Charakter und Verhalten



Professor Mesbah Yazdi 

Was Bedeutet "Charakter" und wie entsteht er?

Bevor wir über die bedeutende Rolle des Charakters und die Wege zur Trennung der menschenwürdigen Eigenschaften von denen, die ihm nicht gebühren, durchleuchten und bevor wir über die charakterliche Läuterung im Islam sprechen, muss zunächst einmal dargestellt werden, was der "Charakter" eigentlich ist und wie er zustande kommt.

Den Handlungen, die der Mensch willentlich unternimmt, gehen andere vorbereitende voraus, die nach außen hin zu erkennen sind. Jedoch auch innerlich werden Handlungen durch eine Reihe gedanklicher Schritte und auf Erlerntem beruhenden Erwägungen in die Wege geleitet.

Nehmen wir als Beispiel jemanden, der seinen Bekannten besuchen will: Er muss nicht nur sich körperlich in Bewegung setzen, in eine bestimmte Richtung gehen oder ein Fortbewegungsmittel benutzen, sondern er muss auch gedanklich sozusagen "eine Strecke zurücklegen". Mit anderen Worten - er müsste sich mit dem geistigen Auge das Treffen mit dem Bekannten vergegenwärtigen. Müsste sehen, welchen Nutzen hat es und diesen Nutzen abwägen mit dem Schaden, den er eventuell dabei auch nimmt, sowie dem Unrecht, das er vielleicht dadurch begeht. Kurz, auf einer seelisch -geistigen Waage zieht er den Vergleich und fasst seinen Entschluss.

Nutzen und Freuden, die mit einem bestimmten Vorgehen in Zusammenhang gebracht werden, und aufgrund derer wir uns für dieses Vorgehen entscheiden, können verschiedener Art sein. Können körperliche Form annehmen wie das Gefühl der Sättigung nach dem Essen, die empfundene Ruhe durch Schlaf oder auch die Kräftigung der Muskeln durch körperliche Betätigung. Auch geistige Vorstellungen z.B. die, in eine leitende Stellung zu gelangen, anderen vorangestellt und respektvoll behandelt zu werden, können zu einem bestimmten Verhalten stimulieren. Ebenso ein intellektueller Genuss, der in der Erkenntnis der Wahrheiten oder höherer geistiger Vervollkommnung liegt, die ein wissenschaftlicher Lehrgang und die ihm vorangehenden einleitenden Studien mit sich bringen können.

Jeder fasst aufgrund des eigenen Wissens einen Nutzen und Genusserfolg ins Auge und hält deren Erreichung für erforderlich. Somit liegt das Hauptmotiv für alle willentlichen Handlungen eben darin, dass der Handelnde zu der Überzeugung gelangt, einen bestimmten Nutzen und ein bestimmtes Genusserlebnis erzielen zu müssen.

Betrachten wir in diesem Zusammenhang eine Gruppe verschiedener Menschen, die sich über ein Studium Gedanken machen. Sie erwägen alle den Wert des Wissens und der Vorteile, die ihnen durch ein solches zugute kommen werden. Stellen diesen Vorzügen aber auch die Mühen und Anstrengungen gegenüber, die sie während dieser Ausbildung auf sich nehmen müssten, ebenso wie die entstehenden finanziellen Unkosten. Kurz, alle zeitlichen und örtlichen Umstände sowie sämtlicher auch nur eventueller Schaden oder Nutzen werden in Betracht gezogen.

Einer von diesen Personen, welche über einen Hochschullehrgang Überlegungen anstellen, misst dem intellektuellen Nutzen hohen Wert bei. In seinen Augen verlieren alle Mühen und Entbehrungen demgegenüber an Gewicht, und auf dieser Grundlage trifft er die Entscheidung, eine Ausbildung an der Universität zu beginnen.

Den nächsten lockt die für ihn besonders angenehme Vorstellung, später einmal den Respekt der anderen für sich zu gewinnen. Ihn lässt diese Aussicht den Entschluss zur Aufnahme eines Studiums fassen.

Ein Dritter hat materielle Gewinne und Freuden ins Auge gefasst, zu denen er mit Wahrscheinlichkeit durch das Studieren und durch das angeeignete Wissen gelangen wird.

Einem anderem wiederum entscheinen die Entbehrungen, die er während der Ausbildungszeit auf sich nehmen müsste, zu anstrengend. Er bevorzugt das Bequemlichere und gibt den Gedanken an ein Studium auf.



1 2 3 4 5 6 7 8 9 next