Antworten des Koran



Abdol D. Falaturi

Ich habe versucht, meinen Vortrag in fünf Abschnitte zu teilen.

Im ersten Abschnitt beschäftige ich mich mit dem Wesen des Menschen. Dies ist vom Koran und von den sonstigen islamischen Quellen aus eine anthropologische Frage. Dieses Bild vom Wesen des Menschen ist die Grundlage für weitere Punkte.

Die Überheblichkeit und Leiden werden der zweite Punkt sein. Dies ist eine reale Differenzierung zur Einteilung der Mitglieder der Gesellschaft.

Der dritte Abschnitt soll sich mit Ermahnung, Strafe und Prüfung befassen. Gemeint ist, ob wir aus islamischer Sicht grundsätzlich das Leiden, in welcher Form auch immer als Ermahnung, als Strafe oder als Prüfung ansehen.

Viertens: die allgemeine Frage nach der Vorherbestimmung, die alle semitischen Religionen stellen.

Fünftens: die Frage nach dem Sinn des Leidens.

Die Frage, die mir grundsätzlich gestellt wurde und das Thema dieser Tagung ist eine Frage, die man früher in dieser Form nicht gestellt hat und deren Antwort man nicht in einem Buch nachlesen kann. Die Frage ist für mich also auch neu. Aber erstaunlicherweise ist es so, dass man bei der Beschäftigung mit einer derartigen Frage Antworten findet, die einen selbst einen Schritt weiter bringen. Dabei ist mir folgendes klargeworden: der Unterschied zwischen den heiligen Schriften und sonstigen systematisch abgefassten Schriften, wie z.B. philosophischen Abhandlungen ist folgender: die heiligen Schriften sind keine sehr systematischen Werke. Man kann auch für eine heilige Schrift kein detailliertes Inhaltsverzeichnis erstellen. Dennoch: in diesen unsystematischen Werken kö önnen wir immer wieder neue Antworten auf neue Fragen finden, die an die Menschen gestellt werden. Dadurch haben die heiligen Schriften so vielen Änderungen überdauert und konnten sich weiter behaupten, was auch weiterhin so sein wird. Diese Schriften haben einen besonderen Charakter: sie sind tatsächlich aus der Tiefe menschlicher Seelen entstanden und haben stets konkrete Fragen des Menschen zum Gegenstand. Die Menschen, wenn sie auch geändert und werden sich auch nicht ändern kö önnen; der Mensch ist nicht so stark wie er glaubt, aber auch nicht so schwach. Und so geht es mir bei Studium der Heiligen Schriften: Pöl ötzlich sehe ich im Alten Testament eine Geschichte über einen Propheten, die mir lange Zeit belanglos vorkam. Sie werden mit einem Problem konfrontiert und auf einmal denken Sie: da kö önnte man eine Antwort finden. Diese Antwort ist nicht für uns und unsere Fragen geschrieben, sondern die Antwort kommt aus einer Tiefe, die denken, dass sie sich geändert hätten, haben sich in einem gewissen Masse nicht immer ihre Gültigkeit hat. So steht es auch mit dem Koran. Die Hauptquellen des Islams sind der Koran und die Sunna, die Äusserungen des Propheten, die zunächst einen den Koran kommentierenden Charakter hatten. Das heisst, der Inhalt des Koran wird als verbale Information angesehen, die immer knapp gehalten ist und von Anfang an gewisser Erklärungen bedurfte.

So weit die Einleitung. Ich komme nun zum ersten Abschnitt: Über das Wesen des Menschen Im Grunde schliesst sich der Koran ausdrücklich an das Alte und Neue Testament an. Wenn sie so wollen, hat Mohammed für die Araber von Beginn an Altes und Neues Testament gepredigt. Er beginnt in seinen ersten Auftritten mit der Argumentation: "Was ich sage ist das, was Abraham gesagt hat, was Mose gesagt hat und was Jesus gesagt hat." Insofern besteht für Mohammed kein Zweifel daran, dass der Koran für ihn eine ganz tiefe Verbundenheit mit den heiligen Schriften hat. Nun, diese Verbundenheit ist keine historische Entwicklung in unserem Sinne, in dem Sinne nämlich, dass Mohammed Altes und Neues Testament gelesen und in dieser oder jener Form geändert hätte, nein, die Verbundenheit geht dahin, dass die Offenbarung eine einzige Quelle hat, und das ist eine gö öttliche Quelle. Diese gö öttliche Quelle bleibt immer die gleiche. Insofern hat diese Offenbarung den tiefen Sinn, die tiefe Verbundenheit mit anderen. So gesehen ist die Entstehung und Schaffung des Menschen nicht ganz weit von dem entfernt, was wir aus dem Alten Testament kennen, unterscheidet sich aber doch in einigen Punkten, die sehr wichtig für uns sind: Zunächst die Frage der Schaffung des Menschen, die ich ihnen sinngemäß, nicht zitierend, weitergeben m lang=FA ööchte. Bei der Schaffung des Menschen im Koran sieht die Vorbereitung zur Erschaffung so aus, dass Gott mit den Engeln spricht, denen er berichtet, dass er einen "chalifa", das soviel wie "Stellvertreter" oder "Nachfolger" bedeutet, dass er also einen Stellvertreter auf der Erde schaffen mö öchte. Gemeint ist der Mensch. Die Engel protestieren zunächst: "Willst du auf der Erde einen schaffen, der Blut vergiesst, Unruhe stiftet...?" fragen sie. Gott sagt zu ihnen "Ihr wisst nicht, was ich weiß." und schafft den Menschen. Der Mensch wird schon bei der Schaffung zwei Aspekte in sich tragen: Ein Aspekt ist das Irdische. Der Mensch wird aus Lehm geschaffen, ganz gottlos praktisch. Nachdem Gott den Menschen in dieser vollkommenen Form geschaffen hat, heisst es, bläst er von seinem Geist dem Menschen ein. Das heisst, dass der Mensch aus zwei wichtigen Komponenten besteht, und zwar aus zwei gegensätzlichen Bestandteilen: einmal Erde und einmal das Gö öttliche, das für den Geist verantwortlich ist. So kann man sagen, dass der Mensch stets etwas Gö öttliches in sich trägt. Nun, der Unterschied zwischen diesen beiden Gegensätzen ist so gross, dass man fragen muss, wie das G ööttliche auf dieser Erde verwirklicht wird. Da kommt schon die dritte Komponente hinzu, von der in diesem Rahmen noch nicht die Rede war, die später aber als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt wird, das ist die Seele. Die Seele wird im Arabischen mit einem Wort, "nafs" bezeichnet, das auch Hauch bedeuten kann. Und die Seele hat nicht nur eine intelligibile, sondern auch eine praktische Aufgabe, nämlich das Leben zu gestalten. Diese "nafs", ein Inbegriff für alle unsere Empfindungen, Inbegriff für alle unsere Wünsche und Begierden und Inbegriff auch für die Mö öglichkeit gegen diese Begierde zu kämpfen. Praktisch ist diese "nafs" ein Moment im Menschen, wodurch das Leben erst Leben wird. Diese Seele ist es, die alles zu tragen, alles zu bewältigen hat. Der Mensch bzw. die Seele ist unterschiedlichen Wirkungen von außen ausgesetzt. Einmal die, die Leidenschaften und Begierden im Menschen erwecken. Das ist gut so und das sollte auch im Leben des Menschen so sein, diese Gefühle und Momente, die aber das Geistliche und Gö öttliche im Menschen nicht überwältigen dürfen. Also müssen wir die Balance halten zwischen dem, was das Leben braucht und dem, was das Gö öttliche immer wieder von uns verlangt. Das ist eine Sache der Seele. Die Seele wird im Koran in mindestens dreifacher Weise, unter drei Aspekten beschrieben: eine ist eine Macht, eine Seele, die uns immer zu Irdischem und Materiellem antreibt, zu Lust und zu Leidenschaft, also in uns stets in diese oder jene Richtung bewegt. Demgegenüber, weil das Gö öttliche hier ins Spiel kommt, steht eine tadelnde Seele. Tadelnd in dem Sinne, dass diese Seele bei dem, was wir getan haben abwägt, ob es gut oder schlecht war und wenn es schlechte Handlungen waren, tadelt. Das ist, was wir in der abendländischen Philosophie oder Theologie vielleicht mit Gewissen bezeichnen.

Hat der Mensch es geschafft, einen Ausgleich zwischen diesem Irdischen und dem Gö öttlichen zu schaffen, so bekommt er zum Schluss das Prädikat einer ausgeglichenen und sicheren Seele. Diese Seele ist es, die im Koran an der Stelle angesprochen wird, an der es heisst: "Kehre zu deinem Gott zurück, indem du zufrieden bist und indem Gott mit dir zufrieden ist." Dies sind praktisch die Etappen, die, die Seele zu gehen hat. Sie sehen, dass alles in Form eines Prozesses abläuft. Bezüglich der Art des Ablaufs dieses Prozesses hat die islamische Theologie eine grosse Ähnlichkeit mit der christlichen Ethik. So besteht zum Beispiel zwischen dem, was der Islam hierzu sagt und den philosophischen Ansichten Kants zu diesem Punkt überhaupt kein Widerspruch oder Unterschied, im Gegenteil: es ist das gleiche, natürlich in einer anderen systematischen Form. Ist der Mensch aus diesem Grund, aus dieser Fähigkeit heraus, jetzt würdig, Stellvertreter Gottes auf der Erde genannt zu werden? Nicht jeder Mensch, aber der Mensch potentiell, ist Stellvertreter Gottes, das heisst auch der Mensch, der sich von Gott abwendet ist trotzdem fähig, das Gö öttliche in sich zu haben. Er missbraucht es und er wird davon keinen Gebrauch machen. Die Verbundenheit des Gö öttlichen mit dem Menschen ist jetzt insofern klar. Nun kommt etwas, was das Islamische vom Christlichen trennt, und diese Differenz müssen wir zur Kenntnis nehmen, das ist der Hauptunterschied zwischen islamischer Auffassung vom Menschen und christlicher; hier haben wir es mit einer ganz anderen Anthropologie zu tun! Aus dem heraus, was ich gesagt habe, liegt nahe, dass das Gö öttliche, das bei jedem Menschen das Gleiche ist, auch in gleicher Weise in Beziehung zu Gott steht. Das wird bestätigt in Sure 30, Vers 30, wo gesagt wird, dass der Mensch mit einer ihm von Natur gegebenen Religion ausgerüstet ist. Der Mensch trägt in sich eine Ur-Religion. Diese Ur-Religion ist nichts anderes als eine direkte Beziehung zu Gott, was ich in meinen Formulierungen "Gottausgerichtetheit" nenne. Diese Gottausgerichtetheit ist jedem Menschen angeboren und diese Gottausgerichtetheit ist es, die den wö örtlichen Sinn des Islam ausmacht. Der Islam ist nicht eine Lehre von Mohammed in dem Sinne, der Islam ist Ur-Religion in jedem Menschen. Konsequenterweise nennt der Islam Abraham Moslem, Moses ist Moslem, Jesus ist Moslem, die Christen sind Muslime, weil alle, die ihre Religion ernst nehmen in sich diese Ur-Religion tragen und in diesem Sinne Muslim sind. Das hat Konsequenzen: Konsequenz ist, dass hier der Mensch nicht von Natur aus von irgendeiner Sünde belastet ist. Sündhaftigkeit ist also eine sekundäre Sache im Menschen, nicht eine primäre. Primär ist, dass der Mensch gut ist. Er wird sündig, wenn er es nicht schafft oder dagegen arbeitet, dass das Gö öttliche in ihm sich verwirklicht. Also der Mensch trägt von Natur aus diese Ur-Religion in sich, aber dem Menschen wird von Gott, mit dem der Mensch stets in direkter Verbindung steht, geholfen. Geholfen wird dem Menschen durch eine äussere Kraft, und diese äussere kraft sind die Botschaften. Gö öttliche Botschaft seit jeher. Auch das ist islamische Meinung: Adam wird auch als Prophet angesehen, das heisst, dass es keinen Augenblick auf der Erde gegeben hat, in dem der Mensch allein und verwahrlost gewesen ist. Stets ist diese äussere Hilfe da gewesen. Sie sehen an diesen äusseren und inneren Momenten im Menschen: dass sie dazu führen, dass der Mensch, der das Gö lang=FA öttliche in sich trug und trägt, die Mö lang=FA öglichkeit hat, das G ööttliche zu verwirklichen. Das ist sehr wichtig. Sehr wichtig aus dem Grunde, dass wir uns hier von einer christlichen Anthropologie trennen. Das hat vor allem deshalb Konsequenzen, weil der Mensch hier nicht primär belastet ist und es somit eine Erl öösung in der christlichen Weise nicht gibt. Erl öösung im islamischen Sinne muss man so verstehen, dass der Mensch niemals durch eigene Leistung das Gö öttliche in sich verwirklichen kann, stets muss die gö öttliche Gnade dies begleiten trotz aller genannten Hilfeleistungen. Ich m ööchte zu einem Postulat kommen, einem Postulat, das mir die Mö lang=FA öglichkeit gibt, in den zweiten Abschnitt überzuleiten: Der im Abendland bestehende Konflikt zwischen Mensch und Gott, ich denke an die Griechen, an frühere Zeiten, kennt weder der Islam noch die vorislamische Tradition in der islamischen Welt. Im christlichen Abendland kannte man diese Differenzen und wie ein christlicher Wissenschaftler sagt, das Abendland hat mit einem gewissen Atheismus angefangen, in dem der Mensch überall stand und trotz der Bemühungen der christlichen Lehre sieht man zunehmend, dass die Tendenz im Abendland wieder dahingeht, dass der Mensch sich soweit fühlt, dass er keinen Gott braucht. Anthropos kommt wieder in den Mittelpunkt der Gesellschaft, was einer der Gründe für viele negative Erscheinungen ist, die sie alle kennen. Ich wollte damit nur sagen, dass die islamische und auch die vorislamische Tradition diesen Kampf zwischen Gott und den Menschen nicht kannte. Die Polarisierung zwischen "anthropos" und "theos" wird im Koran aufgrund der bisherigen Charakterisierung wie folgt gel lang=FA ööst: Der Mensch als Gesch ööpf Gottes hat sich ausschließlich seinem Sch ööpfer zuzuwenden, ihn anzubeten und bei ihm Zuflucht zu finden, nur von ihm Hilfe und Unterstützung zu erbitten. Diese von mir immer wieder betonte direkte Beziehung zu Gott ist das, was die Sicht des Islam prägt und was Christen, wenn sie mit Muslimen ins Gespräch kommen überhaupt nicht begreifen und mit ihrem Gefühl vereinbaren kö önnen, wenn diese sagen, dass nicht einmal Jesus, geschweige denn die Kirche eine Vermittlerrolle zu Gott spielen kann.



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