Menschenrechte im Islam



Menschenrechte im Islam

Von Ajatollah Khamenei

Übergeben anlässlich der 5. Konferenz zur Islamischen Ideologie vom 29. -31. Januar 1997, veröffentlicht in dem Buch "Menschenrechte im Islam", herausgegeben von Sayid Khadim Husayn Naqavi, Teheran 1410 a.H./1989

Die Verkündung der Menschenrechte ist eine der fundamentalsten menschlichen Errungenschaften, und sie ist auch die sensibelste und am widersprüchlichsten gehandhabte. Während der letzten Jahrzehnte wurde dieses Problem mehr zu einem politischen als ethischem Thema oder Thema des legalen Handelns. So hat der Einfluss politischer Motive, Rivalitäten und des Kalküls die korrekte Formulierung dieses Problems erschwert, aber das darf Denker und wahrhafte Humanisten nicht davon abhalten, sich mit diesem Problem zu befassen und letztlich eine Lösung zu erreichen Im Westen ist es erst etwa in den letzten 200 Jahren gewesen, dass Menschenrechte eine Frage von herausragender Bedeutung unter den politischen und sozialen Fragen der westlichen Gesellschaft und eine Frage von fundamentaler Bedeutung geworden sind, obgleich die Frage der Menschenrechte von den Denkern der Post-Renaissance aufgeworfen wurde. Wenn wir die Ursachen vieler sozialer Veränderungen und politischer Erhebungen untersuchen, werden wir vielleicht die Merkmale ihrer Präsenz und ihrer prinzipiellen Ideale finden. Während der letzten Jahrzehnte erreichte die Betonung der Menschenrechte im Westen ihren Höhepunkt. Mit der Bildung der UNO nach dem 2. Weltkrieg und der anschließenden Abfassung der Allgemeinen Charta der Menschenrechte, der Erklärung der Menschenrechte trat ein konkretes Modell in Erscheinung, und als ein Ergebnis dieser Hervorhebung kann es als ein Kriterium und als Grundlage unseres Urteilens sowie der Analyse der in dieser Beziehung angesprochenen Ideale während der letzten zweihundert Jahre und speziell in den letzten Jahrzehnten dienen. Wir Muslime wissen natürlich sehr gut, dass wenn die westliche Welt und die westliche Zivilisation dieser Angelegenheit erst in den letzten Jahrhunderten Aufmerksamkeit geschenkt hat, sich der Islam viele Jahrhunderte zuvor unter den verschiedenen Gesichtspunkten damit befasst hat. Die Idee der Menschenrechte liegt als ein fundamentaler Grundsatz, so kann man feststellen, der ganzen islamischen Lehre zugrunde. Und dieses bedarf für eine muslimische Zuhörerschaft keinerlei neuer Erläuterung. Ob es die Verse des Korans und die des Propheten und die von den Imamen seiner Familie (a.) überlieferten Traditionen sind, jedes von ihnen betont die Menschenrechte als eine Angelegenheit, die die Aufmerksamkeit der Menschen in den letzten Jahren gefunden hat. Das ist den Muslimen bekannt, und es besteht keine Notwendigkeit für die Studenten (Anm. der Übersetzung: Gemeint sind islamische Gelehrte, die stets als Studenten angesprochen werden) an diesen Fakt erinnert zu werden. Jedoch würde ich sagen, dass die große Verantwortung auf den Schultern der Islamischen Gesellschaft liegt, diese Realität der Welt bekannt zu machen und es nicht zuzulassen, dass die wesentlichen Lehren des Islams im Sturm des politischen Lärms, Getöses und Rummels untergehen.

Es gibt einige Fragen, die man in dieser Beziehung aufwerfen kann, und darauf eine Antwort zu geben ist heute mein grundsätzliches Ziel. Natürlich werdet Ihr Studenten im Verlauf der Konferenz nützliche und tiefgründige Diskussionen über verschiedene Aspekte der Menschenrechte führen, welche selbst als eine Quelle der Information für die muslimische Welt dienen und sie in dieser Beziehung über die Standpunkte und Gesichtspunkte des Islams erleuchten werden.

Die erste Frage ist, ob die Anstrengungen, die während der Jahrzehnte seit dem 2. Weltkrieg im Namen der Menschenrechte unternommen wurden, hinsichtlich ihres Zwecks und Ziels erfolgreich waren oder nicht. Die Aufrufe, die Versammlungen und die Sitzungen, die in den Vereinten Nationen erfolgt sind, sowie die Forderungen, die bezüglich der Menschenrechte erhoben wurden, waren sie erfolgreich in dem Ziel, die Menschen oder zumindest den größeren Teil der der Rechte beraubten Menschen ihren wahren Rechten näher zu bringen? Die Antwort auf diese Frage ist nicht so schwierig. Bei einer Beobachtung der Bedingungen in der gegenwärtigen Welt gibt es genug Beweise, dass diese Versuche bis jetzt nicht erfolgreich waren. Ein Blick auf die Bedingungen der unterentwickelten Gesellschaften der Welt, die den größeren Teil der Weltbevölkerung bilden, reicht aus, um den Fakt zu enthüllen und zu benennen, dass nicht nur der größere Teil der Menschheit ihre wahren und echten Rechte während der letzten 50 Jahre nicht erreichen konnte, sondern die Methoden der Verletzung der Rechte der dieser Rechte beraubten und entrechteten Nationen ausgeklügelter, raffinierter und komplexer geworden sind und es schwieriger geworden ist, sie abzustellen und die Wunden zu heilen. Wir können nicht die Forderungen akzeptieren, die von denjenigen gestellt werden, die den Anspruch erheben, Vorkämpfer der Menschenrechte zu sein, während die bitteren Realitäten der afrikanischen und asiatischen Nationen und die hungrigen Millionen der menschlichen Rasse vor unseren Augen stehen und wir das ständige Spektakel der Verletzung der Menschenrechte verschiedener Nationen beobachten können. Diejenigen, die es am meisten während der letzten 40 Jahre verkündet haben, die Menschenrechte zu vertreten, haben selbst in der fundamentalsten Art und Weise die Völker der Dritten Welt ihrer Menschenrechte beraubt. Es ist mit ihrem Einverständnis geschehen, dass bestimmte Regierungen und Regimes, die den Menschen ihre elementarsten Rechte verweigern, es geschafft haben, zu überleben. Die Diktatoren der heutigen Welt und auch die Despoten der letzten 50 Jahre in Asien, Afrika, und Lateinamerika, niemand von ihnen hätte seine Diktatur mit eigenen Kräften errichten und erhalten können, wenn sie nicht Rückhalt bei den Großmächten gefunden hätten.

Diese Großmächte sind es genau genommen, die die meisten Losungen in Bezug auf die Menschenrechte ausgedacht und verkündet haben und sie auch am meisten gebrochen haben. Es waren sie, die sie in der UNO ins Leben gerufen haben, und heute steht die UNO in ihren Diensten und zu ihren Diensten. Das wirtschaftliche Elend, der Hunger, der große Verlust an Menschenleben in verschiedenen Ländern der Welt sind natürlich selbstverständlich das Ergebnis von Intervention, Repressionen, Ursurpierung (Raub und Anmaßung) von Macht und Reichtum seitens der Großmächte. Wer hat Afrika, das Land üppiger Ressourcen dazu gebracht, wo es heute steht? Wer hat Bangladesch und Indien seit Jahren in einem Zustand der Ausbeutung gehalten und trotz ihrer natürlichen Ressourcen und großen Potentiale an den Punkt getrieben, dass wir heute hören, dass Menschen in diesen Ländern an Hunger sterben? Wer hat den Reichtum und die Ressourcen der Länder der Dritten Welt geplündert, diesen Nationen stattdessen Hunger, Armut und Elend gebracht und sich selbst die modernen Technologien und immensen Reichtum verschafft? Wir sehen, dass die Organisatoren der Organisation der Vereinten Nationen (der UNO) und die hauptsächlichen Verfasser der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und die, welche heute schamlos für sich in Anspruch nehmen, die Unterstützer dieser Deklaration zu sein, die wirklichen Urheber dieses Elends und Unglücks der Völker sind. Andererseits gibt es keinen Grund, warum Afrika, das Land des natürlichen Überflusses und der reichen Fruchtbarkeit, Lateinamerika mit seinem natürlichen Reichtum, das große Indien und viele andere Drittweltstaaten trotz der ausreichenden menschlichen Arbeitskräfte und der großen Naturreichtümer hinterherhinken und zurückbleiben sollten. Heute übt das System der politischen Dominanz des Kapitals und der Macht in der Welt die Vorherrschaft aus, und es besteht kein Zweifel daran, dass dieses System der politischen Dominanz des Kapitals und der Macht von den selben Leuten kontrolliert und gesteuert wird, die die Väter der Erklärung der Menschenrechte sind. Unter ihrem Steuer des Kapitals, der Macht und des Machtmechanismus sehen wir, wie die Nationen der Welt, die Völker der Welt zermalmt werden und einen hilflosen Kampf ums Überleben führen. Die UNO ist das herausragende Produkt der Anstrengungen, die um der Menschenrechte willen unternommen wurden, doch was hat sie in der Vergangenheit für die Nationen und Völker der Welt getan und was tut sie in der Gegenwart? Was für eine aktive Rolle konnte die UNO bei der Lösung der Grundprobleme der Völker und bei ihrer Erlösung von den Katastrophen, die sie befallen haben, spielen. In welcher Instanz trat die UNO als ein Befreier der Unterdrückten von ihren Unterdrückern auf? An welchem Punkt konnte die UNO die tyrannischen Großmächte davon überzeugen, darauf zu verzichten, ungerechte Forderungen zu stellen? Die UNO ist sogar in dieser Frage hinter den meisten Nationen zurückgeblieben. Heute sind wir trotz aller dieser Forderungen Zeugen des Apartheid-Regimes in Südafrika (Anm.: die Rede wurde 1989 gehalten) und Palästina und in vielen Fällen von Rassismus und rassistischer Diskriminierung bei den fortgeschrittenen Nationen selbst. Deswegen ist es klar, dass die UNO, obwohl sie das am meisten herausragende Beispiel des Bemühens um die Menschenrechte ist, in dieser Hinsicht nichts getan hat. Sie ist in internationalen Problemen in der Rolle eines Predigers und Priesters aufgetreten. Der Sicherheitsrat ist eines der wichtigsten grundlegenden Organe der UNO-Vollversammlung und fungiert als das hauptsächliche Entscheidungsorgan. In ihr haben die Großmächte ein Vetorecht. Das führt dazu, dass jede Entscheidung, die in der Vollversammlung und im Weltsicherheitsrat gegen die wirklichen Macher der Politik, die die Nationen einschnüren und ihnen Fesseln anlegen, getroffen wird (dieses per Veto verhindert wird), zumal die Großmächte die selben Macher sind, die in der Lage sind, die Entscheidungen durch Veto zu blockieren, wenn sie gegen ihre Interessen gerichtet sind. Die Vereinten Nationen und ihre Organe, ihre Agenturen und Organisationen, gleich ob sie auf dem Gebiet der Kultur, der Wirtschaft, der Technik arbeiten, stehen allesamt unter dem Einfluss und der Dominanz der Großmächte. Die USA üben über ihre kulturelle Agentur wie die UNESCO und andere jedermann bekannte Einrichtungen Druck aus und erpressen die Welt. Das wissen alle. Als ein Muslim Chef der UNESCO war, der wünschte, seine eigene Unabhängigkeit als auch die der UNESCO zu wahren, wurdet ihr alle Zeuge, wie die USA die UNESCO während der beiden Jahre unter Druck gesetzt haben. Infolgedessen fühlen wir, dass die UNO-Vollversammlung als das bedeutendste Ergebnis des Strebens nach Menschenrechten sich als uneffizientes und impotentes Element erwiesen hat, welches zur Tröstung der Nationen geschaffen wurde, und keinen praktischen Nutzen hat. Infolge der Einmischung der Großmächte in viele Fälle der Realisierung funktionieren die Menschenrechte nur als ihre feudale Pfründe. Wir lehnen die UNO natürlich nicht ab. Wir glauben, dass diese Organisation bestehen muss, dass sie aber reformiert werden muss. Wir selbst sind ein Mitglied der UNO. Doch was ich klarstellen muss, ist, dass Ihr nach all den Bemühungen, allen Lärm, den man um sie angestimmt hat, nach all den Hoffnungen, die man mit ihr verknüpft hat, feststellen könnt, wie unangemessen und ineffizient diese Organisation bei der Sicherung der Menschenrechte in der Welt von heute geblieben ist. Von daher ist die Antwort auf die erste Frage klar geworden. Wir können sagen, dass die unternommenen Anstrengungen zur Gewährleistung der Menschenrechte und die Forderungen, die im Namen der Menschenrechte in den letzten Jahrhunderten und insbesondere während der letzen Jahrzehnte erhoben wurden, keinerlei Früchte getragen haben. Sie haben bei der Sicherung der Menschenrechte versagt.

Die zweite Frage ist, ob diese Anstrengungen im Namen der Menschenrechte grundsätzlich irgendeine Aufrichtigkeit aufweisen, ob sie aus lauteren Motiven unternommen wurden? Die Frage ist natürlich historischer Natur und dürfte nicht viel praktischen Wert haben. Deswegen habe ich nicht die Absicht, sie ausführlich zu erörtern. Es genügt, wenn man hier darauf hinweist, dass unserer Meinung nach diese Anstrengungen und Bemühungen nicht aufrichtig, nicht lauter waren. Es ist wahr, dass es Philosophen, Denker und Sozialreformer unter den Exponenten der Menschenrechte gegeben hat, aber die Arena wurde von Politikern beherrscht. Die Bemühungen dieser Denker und Reformer wurden ebenfalls in den Dienst der Politiker gestellt. Wenn in den Annalen der Geschichte, Denker, Weise, Apostel Gottes, Mystiker und Menschen aufgetreten sind, die den Ruf nach den Menschenrechten erhoben haben, dann sehen wir heute, wenn wir Politiker und Staatsmänner erblicken, die lautstark diesen Ruf hinausposaunen, wie berechtigt es ist, ernsthaft an ihrer Aufrichtigkeit und Lauterkeit zu zweifeln. Man blicke um sich und sehe, wer die Leute sind, die für die Sache der Menschenrechte plädieren. Der frühere Präsident der USA stellte sich während des Wahlkampfes als der Verteidiger der Menschenrechte hin und hat auf Grund dessen die Wahl gewonnen. Von Beginn an wurde in einigen seiner Reden und Ansprachen sowie in den Schritten, die er unternahm, offensichtlich, wie ernsthaft seine Absichten wirklich waren: Schließlich sahen wir, wie er sich unter den grausamsten, den barbarischsten Regierenden und den tyrannischsten unter ihnen befand und einer der hartnäckigen Feinde und der erbitterste Gegner der Menschenrechte in unserer Region wurde, als es zur Sache ging. Er unterstützte den Schah, die Tyrannen des okkupierten Palästinas und andere ruchlose Diktaturen unserer Tage. Gegenwärtig sind diejenigen, die die Sache der Menschenrechte vertreten, die Staatsmänner und Politiker, die lautstark ihre Unterstützung der Menschenrechte auf Konferenzen und internationalen Foren verkünden, nicht aufrichtiger als ihre Vorgänger, ihre Pendants. Wir finden keine Anzeichen von Aufrichtigkeit und Lauterkeit in ihren Bemühungen. Das Ziel derjenigen, die die Erklärung der Menschenrechte entworfen haben, und vor allem der USA, war es schon zu dieser Zeit, ihre Herrschaft und Hegemonie über die Welt auszudehnen. Ihr Problem bestand nicht darin, dass sie die Menschenrechte sichern, dass sie die Art der Rechte wiederherstellen wollten, die sie während des Krieges verletzt hatten. Sie waren dieselben Leute, die mit einer Atombombe das Leben von Zehntausenden von Menschen ausgelöscht hatten. Sie waren die selben Leute, die um einen Krieg zu führen, welcher nichts mit den Interessen der asiatischen und afrikanischen Nationen zu tun hatte, die Mehrheit der Soldaten aus Indien, Algerien und anderen afrikanischen und nichteuropäischen Ländern rekrutiert hatten. Wir glauben nicht, dass Roosevelt, Churchill und Ihresgleichen die Menschenrechte im wahren Sinne des Wortes auch nur im geringsten Maße in Betracht zogen und aufrichtig waren, als sie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte entwarfen. Demgemäß ist die Antwort auf die zweite Frage auch klar. Nein! wir glauben nicht, dass die von den Politikern und den lautstärksten Advokaten der Menschenrechte unternommenen Bemühungen überhaupt aufrichtig waren.

Die dritte Frage, welche die grundsätzlichste von ihnen allen ist, besteht darin zu klären, was der Grund für das Fehlschlagen dieser Versuche war? Das ist der Punkt, dem mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte, und ich werde das hier kurz erläutern. Ich glaube, dass dies der grundsätzlichste Punkt ist, weil, was immer im Namen der Menschenrechte präsentiert wurde, im Rahmen eines dekadenten und betrügerischen Systems, eines Systems der Vorherrschaft, der Dominanz, dass repressiv und tyrannisch ist, geschah.

Diejenigen, die die UNO geschaffen und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ausgearbeitet haben, und diejenigen, die am vehementesten und lautstärksten dafür heutzutage plädieren, sind bedauerlicherweise in ihrer Mehrheit Staatsmänner und Politiker, die an das System der Dominanz glauben und dieses System akzeptiert und sich zu eigen gemacht haben. Das System der Dominanz bedeutet, dass eine Gruppe von Leuten dominiert, d. h. die Herrschaft ausübt und andere Gruppen von Menschen beherrschen will. Das System der Dominanz wird gestützt von der Kultur der Vorherrschaft.



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