WAS DER ISLAM DER WELT GEGEBEN HAT



Von : Sayid Mujtaba Musawi Lari

Kapitel 1

Der Islam

Der Islam tritt ein für Harmonie und die Fähigkeit zum Vollkommenwer­den, und dies mit einer unerreichten Tiefe und Weite des Horizonts, welcher alle Seiten des Geistes und des Lebens umfaßt. Er kennt alle Straßen, die zum Segen und zum Glück führen. Er besitzt die Heilung für die mensch­lichen Gebrechen des Einzelnen und der Gemeinschaft und macht sie so klar, wie sie der Verstand des Menschen nur planen und begreifen kann. Er macht sich daran, einen jeden allseitig zu entwickeln und schließt daher unvermeidlich jede Wirklichkeit mit ein, welche auf die menschliche Exi­stenz einwirkt. In seiner Lehre vom Menschen hat er daher modernen Irr­tümern oder verdorbenen Institutionen keinen Raum gewährt. Er setzt den Menschen nicht an Gottes Stelle. Dies zu tun bedeutet: den Menschen sich selber zu überlassen mit seinem Stolz und seiner Überheblichkeit, oder aber ihn auf einen sklavischen Lastesel für seine Mitmenschen zu reduzieren, der machtlos, willenlos, hilflos vor der Tyrannei der Natur und der Materie steht. Dies ist aber genau das, was moderne Irrlehren mit dem Menschen tun. Der Islam hingegen rechtfertigt die einzigartige Natur des Menschen vor allen anderen Lebewesen, denn er bestätigt, daß er eine besondere Schöpfung ist mit einer hohen, nur ihm eigenen Berufung.

Der Islam vertritt den Standpunkt, daß das Wesen eines Menschen nicht mit seinem Tode zu Ende, sondern beständig, ewig, ist. »Weltlich« und »überweltlich« sind eine unauflösliche Einheit. Körper und Seele können daher nicht in disparate Elemente aufgelöst werden. Aus diesen Gründen stellt der Islam beide Welten in leuchtenden Farben dar. Er schult den Men­schen für die Ewigkeit und findet ebenso in der erhabenen Bestimmung, die der Schöpfung vom Menschen innewohnt, die Leitsätze für seine öffentli­chen Institutionen auf der Erde.

Die Ewigkeit legt universale Prinzipien fest, die unveränderlich und un­veränderbar sind. Der Islam verkündet sie als Thesen, Überzeugungen, Gebote, Statuten; er schult in Zufriedenheit und drängt nach Fortschritt. Er bietet dem Menschen vollkommene Freiheit im Denken für das, was ihn interessiert und für die Auslegung des göttlichen Gesetzes, wo soziale Notwendigkeiten vorliegen. Er greift auf Grundprinzipien zurück, welche einen sicheren, felsenfesten Grund von tiefster Wahrheit in allen Möglich­keiten und Wandlungen dieses vergänglichen Lebens bereitstellen.

Der Islam vertritt den Standpunkt, daß der Mensch bestimmte Merkmale besitzt, die ihn mit der materiellen Welt, und bestimmte andere, die ihn mit

 

nicht-materiellen Wirklichkeiten verbinden und welche Wünsche und Ziele edlerer Art motivieren. Körper, Seele und Geist haben ihre eigenen Nei­gungen. Jede muß gebührend gewichtet werden, denn was eines dieser un­trennbaren Elemente begehrt, soll nicht mit dem Begehren eines anderen in Konflikt geraten. Der Islam zieht alle Elemente und Aspekte der mensch­lichen Natur in Betracht und betreut das vielfältige Wesen der vereinten materiellen und spirituellen Neigungen des Menschen. Er zieht ihn zum Höchsten empor, ohne seine Wurzeln in der Materie zu kappen. Er verlangt absolute Reinheit und Keuschheit, ohne das Fleisch und dessen Bedürfnisse zu leugnen. Sein Strom fließt von Pol zu Pol über ein Netz lebendiger Drähte — den Überzeugungen und Bestimmungen, welche die Unversehrtheit aller angeborenen menschlichen Instinkte bewahren, weist aber die Freud'sche Lehre völliger Freiheit, welche den Menschen nur noch als Tier behandelt, zurück.

Der Islam ist nicht ein bloßer Satz Ideen in einer Welt metaphysischer Spekulationen; auch ist er nicht bloß entstanden, um das soziale Zusam­menleben der Menschen zu ordnen. Er ist eine derart umfassend sinnvolle Art zu leben, daß er die Erziehung, die Gesellschaft und die Kultur auf Höhen führt, die nie angepeilt worden sind. Er bildet ein oberstes Beru­fungsgericht und einen Sammelpunkt für Ost und West gleichermaßen und bietet ihnen eine Ideologie an, welche ihre trennenden Materialismen beant­wortet. Er kann ihre Ungleichheiten und Widersprüche durch eine umfas­sendere, vollkommenere und machtvollere Idee ersetzen.

Der Islam gibt keiner Art materiellen Wohlergehens oder genußbezoge­nen Komforts als Grundlage für das Glück Vorrang. Seine Grundsätze bezieht er aus einer Analyse der wahren Natur des Menschen. Mit diesen Leitlinien entwirft er einen Plan für das Leben als einzelner, als Gruppe oder als Volk unter Völkern, der durch feste, allumfassende moralische Prinzi­pien zusammengehalten wird, die ein weit höheres Ziel für die Menschheit ansteuern als die begrenzten materiellen Ziele der modernen Welt.

Der Islam hält den Menschen nicht in den engen Grenzen des Materiellen und Finanziellen gefangen. Er stellt ihn auf ein geräumiges, weites Feld. Dort regieren Sittlichkeit, Grundsatztreue und der Geist. Seine Vorbilder entspringen der menschlichen Natur selber. Sie ermutigen zur gegenseitigen Hilfe und Zusammenarbeit. Sie verfolgen Werte, die außerhalb der beeng­ten Grenzen liegen, welche dem Einzelnen und der Gemeinschaft durch kleinliche, zaghafte, schleppende Muster materialistischer Zielsetzungen auferlegt werden. Statt dessen bindet er die Kraft und das strebende Sich-Mühen des Mannes an den Wandel, den Fortschritt und das Vollkomme­ner-Werden, die in seiner Schöpfung beschlossen liegen.

Die Schulung durch den Islam setzt sich zum Ziel, die Eigenschaften des Menschen zu verfeinern, zu steigern und sie für richtige und vernünftige Ziele einzuspannen, welche jeden Schritt nach vorn zu dem erwünschten Ziel hin lenken und festlegen. Er bündelt die Motive eines Mannes, die seinem natürlichen Verlangen und seinen grundlegenden Bedürfnissen ent­stammen, in einem konzentrierten, stromlinienförmigen Strahl, so daß jedes seiner Talente sich aufgerufen fühlt, seine Funktion in der richtigen Reihen-



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