Der Quran




Der Quran
Die zentrale Schrift des Islam und ihre Auslegung

DI Mouddar Khouja hielt dieses Referat im Rahmen einer interreligiösen Gesprächsreihe, die sich mit den heiligen Schriften der Buchreligionen auseinadersetzte.

 

Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen

„Sprich: O Ihr Besitzer des Buches, kommt herbei zu einem Wort, das uns und euch gemeinsam ist: dass wir niemandem dienen außer Gott, und dass wir neben Ihm keine Götzen anbeten, und dass nicht die einen von uns sich die anderen zu Herren nehmen anstelle von Gott. Doch wenn sie sich abwenden, dann sprecht: Bezeugt, dass wir Ihm ergeben sind.“
(Sure 3, Vers 64)

Mit diesem Vers verkündet der Kuran einen Aufruf zum Dialog. Einen Dialog, der nicht erst seit dem 11. September 2001 geführt wird, sondern schon zur Zeit des Propheten Mohammad s.s. (Gottes Frieden und Segen seien mit ihm) stattfand und nun seit mehr als 1370 Jahren mit unterschiedlicher Intensität fortgeführt wird. Eine der jüngsten Begegnungen zwischen den Religionen ist jene, die vergangene Woche im Kleinen Redoutensaal der Wiener Hofburg mit dem iranischen Staatspräsidenten KHATAMI stattfand.
Es zeigte sich schon vor dem 11. September, dass der Dialog noch in den Kinderschuhen steckt, zumal sehr viele Menschen wenig über die Inhalte der jeweils anderen Religionen wissen.
„Aus der Krise eine Chance“ haben sich sehr viele Institutionen und Privatpersonen gesagt, denn mit den furchtbaren Weltereignissen seit jenem Septembertag, wurden zahllose Dialog-initiativen gestartet; unter anderem auch diese, die uns heute zusammenbringt. Deshalb möchte ich meinen Dank an die Organisatoren und speziell an den Leiter des evangelischen Bildungswerks, Mag. Ritter-Werneck, zum Ausdruck bringen. Möge Gott uns allen den rechten Weg weisen und uns zu einem besseren fruchtbringenden Miteinander verhelfen.

Bevor ich zur Frage gelange, welche Bedeutung der Koran als Glaubensgrundlage für die Muslime hat, einleitend einiges über die Themen Offenbarungszeit, Authentizität des Quran, Geschichte des Offenbarungsbeginns und die „ijaz“, die muslimische Sicht der Unübertrefflichkeit des Quran.

Offenbarungszeit:

Die Quran-Offenbarung wurde dem Propheten Mohammad (s.s.) vom Erzengel Gabriel zwischen dem Jahr 610 und 632 in arabischer Sprache übermittelt. Es handelt sich dabei um ungefähr 12 mekkanische und 10 medinensische Jahre.

Authentizität:

Der Quran unterscheidet sich von anderen Texten, indem er zu Lebzeiten des Propheten Mohammad (s.s.) bereits fixiert war. Dies geschah gleichzeitig mit der Offenbarung, indem der Prophet (s.s.) die Gläubigen bat, die Qurantexte auswendig zu lernen und zu rezitieren durch Texterhalter „Huffaz“, und sie überdies auch durch die „Kuttabul’Wahi“- die Offenbarungsschreiber - schriftlich festzulegen. Somit besitzt der Quran zwei Elemente der Authentizität: Schriftliche und mündliche Überlieferung. Unmittelbar nach dem Tod des Propheten (s.s.) bat der erste Khalif Abu Bakr den ehemaligen ersten Offenbarungsschreiber Zaid ibn Thabit, eine Zusammenstellung vorzubereiten. Zaid ibn Thabit trug dann - auf die Empfehlung des späteren zweiten Khalifen Omar - alle vorhandenen Dokumentationen zusammen. Dies waren:
Die Zeugnisse der Huffaz, Schriftstücke (wie z.B. Pergamente), Leder, kleine Holztafeln usw. Derart erhielt man eine buchstabentreue Zusammenstellung des Buches. Omar in seiner Zeit als Khalif ab dem Jahr 634, hat einen einzigen Band anfertigen lassen, der bei seiner Tochter, der Witwe des Propheten (s.s), aufbewahrt wurde.
Der dritte Khalif Othman beauftragte eine Kommission mit der großen Rezension, die seinen Namen trägt. Sie überprüfte die Authentizität des unter Abu Bakr erstellten Dokuments und erfragte abermals die Huffaz. Der Text wurde äußerst streng geprüft. Durch Konkordanz aller Zeugnisse wurde die Übereinstimmung der Verse, selbst der kleinsten, festgestellt. Durch diese Vorgangsweise erhielt man ein Quran-Exemplar, das in seinem Wortlaut und seiner Anordnung den Offenbarungen und Anweisungen zu Lebzeiten des Propheten Mohammad (s.s.) entsprach. Der Khalif Othman verschickte genaue Abschriften dieses Exemplars in alle Zentren des damaligen islamischen Imperiums. Diese Ausgaben findet man heute als Originale in Taschkent und Istanbul.

(Sure 56, Vers 77-80)
„Es ist eine vortreffliche Lektüre; in einer wohlverwahrten Schrift; die nur von Gereinigten berührt wird; eine Offenbarung vom Herren der Welten“

(Sure 98, Vers 2-3)
„Ein Gesandter von Allah, der ihnen reine (unverfälschte) Schriftblätter vortrug;
Darin sind Vorschriften von ewiggültiger Wahrhaftigkeit und Klarheit“

Offenbarungsbeginn:

In den letzten Tagen des Monats Ramadan des Jahres 13 vor der Hijdra nach der islamischen Zeitrechnung und im Alter von 40 Mondjahren des Propheten ereignete sich die erste Übermittelung der Quranoffenbarung in der Berghöhle von Hira bei Mekka. Diese Ereignisse wurden durch den Propheten (s.s.) beschrieben und in einer Überlieferung – einem sogenannten „Hadith“ – durch einen Gefährten geschildert:

„Der Erzengel Gabriel erschien und sagte: ‚O Mohammad ich bin Gabriel und du der Gesandte Gottes!’. Und dann sagte er: ‚Lies!’ Der Prophet (s.s.) sagte: ‚Was soll ich lesen?’ oder ‚Ich bin des Lesens nicht kundig.’ Dann hielt er ihn dreimal hintereinander so fest, dass es wehtat und offenbarte ihm folgende Verse der Sure 96:

(Sure 96, Vers 1-5)
„Lies in Namen deines Herren, der erschaffen hat;
Erschaffen hat den Menschen aus geronnenem Blut,
Lies! Und dein Herr ist der Allgütige;
Der gelehrt hat durch die Feder;
Den Menschen gelehrt hat was er nicht wusste; ..“


„i’jaz“ Unübertrefflichkeit des Kuran:

(Sure10, Vers 38)
„Und doch behaupten sie: „Er hat ihn erdichtet!“ Sprich: „So bringt eine einzige Sure gleicher Art hervor und ruft dazu, wen ihr nur könnt, außer Allah, wenn ihr wahrhaft seid“ .

Damit fordert der Quran jene Menschen zum Nachdenken auf, die nicht an ihn glauben. Diese Herausforderung hinsichtlich der Unübertrefflichkeit ist nach muslimischem Verständnis in dreierlei Hinsicht zu verstehen:

- In der Sprache: Dies ist für Menschen mit einer anderen Muttersprache als Arabisch kaum erkennbar. Wichtig ist aber zu erwähnen, dass sehr viele namhafte arabische Poeten nach dem Lesen einiger weniger Verse des Quran sich bestätigt fühlten, dass es sich dabei nicht um Dichtung handeln könne, sondern diese Worte anderen als menschlichen Ursprung haben müssten.

- In der Wissenschaft:
o Der Quran steht im Einklang mit geschichtlichen Ereignissen
(siehe dazu die Quran-Erzählungen über Noah, Moses, ...)
o Er widerspricht nicht heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern beschreibt vielmehr biologische und andere Phänomene sehr detailliert, zu einer Zeit, in der die Menschen über derlei Vorgänge noch keine Kenntnis besaßen. Ein Beispiel:

(Sure 23, Vers 13-14)
„Dann setzten wir ihn als Samentropfen an eine geschützten Stätte; dann erschufen wir aus dem Samentropfen ein Anhängsel und erschufen aus dem Anhängsel ein kleines Gebilde und hernach formten Wir in dem kleinen Gebilde Knochen und bekleideten die Knochen mit Fleisch. Dann ließen wir daraus ein anderes Geschöpf entstehen. Gepriesen sei Allah, der vortreffliche Schöpfer“.

Hier werden die Entwicklungsphasen des Embryos im Uterus beschrieben. Damals nicht bekannt, ist erst Jahrhunderte danach wissenschaftlich belegt worden, dass diese Beschreibung den embryonalen Entwicklungsstufen entspricht.

(Sure 57, Vers 25)
„...Und Wir sandten das Eisen, das viel Gewalt in sich birgt, in dem aber auch Nutzen liegt für die Menschheit..“

Der zeitgenössische Gelehrte, Universitätsdirektor und Professor für Quran-Wissenschaften, Dr. Zandani, hat eine Reihe verschiedene Wissenschaften übergreifende Studien gemacht, bei denen Naturwissenschaften den kuranischen Texten kritisch gegenübergestellt wurden. So warf er zum Beispiel zum genannten Vers aus der Sure 57 („Das Eisen“) und konkret zur Formulierung „Wir sandten das Eisen“ die Frage auf, warum Gott hier das Verb „senden“ und nicht „erschaffen“ verwendet hat. Er befragte den Astronauten Neil Armstrong persönlich zu dieser Angelegenheit. Dieser versicherte ihm, dass alle Kräfte auf unserem Sonnensystem nicht ausreichen würden, um das Eisen-Atom zu formieren, deshalb ist man sich in Kreisen der Wissenschaftler einig darüber, dass das Eisen nicht von der Erde stammte. Durch diese Erklärung war für Dr. Zandani der gesuchte Erklärungsansatz zur spezifischen Wortwahl des Kuran gefunden und gleichzeitig wissenschaftlich belegt.



- in der Gesetzgebung „Jurisprudenz“:
Aus einem kleinen Reservoir von 200 Versen schöpft der Kuran seine normative Kraft wie z.B. zur Konstituierung des islamischen Erbschaftssystems, (siehe dazu Sure 4, Verse 7, 11, 12, 19, 32, 33) oder das islamische Vertragssystem mit einem einzigen Vers (Sure 2, Vers 282).
Trotzdem enthält der Quran nur eine kleine Zahl eindeutig normativer Regeln – er ist kein Handbuch der Rechtswissenschaften- und erhebt sich als eine Verfassung gebende Grundlage.


Was bedeutet nun der Quran als Grundlage für den Islam?

Leopold Weiss, der den Namen Mohammad Asad annahm, ein in der Donaumonarchie geborener Jude und späterer Konvertit zum Islam, hat seiner Quran-Exegese die Widmung gegeben „An Leute, die verstehen“.

Um den Quran zu verstehen ist es notwendig, die thematischen Schwerpunkte des Quran herauszuarbeiten und seine Intentionen zu hinterfragen. Wie kann man sich dem Quran also annähern? Und welche „Werkzeuge“ sollte man hier anwenden?

Hier gibt es natürlich viele Möglichkeiten und Ansätze. Eine nicht so gängige, aber wohl effiziente Gangweise ist die, die man beim Kauf jedes beliebigen Buches anwenden kann: Man schlägt im Inhaltsverzeichnis des Buches nach, misst quantitativ, welche Gewichtung den enthaltenen Themen beigemessen wird. Eine derartige Thementypisierung und ihre Gewichtung geben Auskunft über die ungefähre Ausrichtung eines Buches.

Diese Methode wurde auch von einem in Wien lebenden jungen Gelehrten, Scheich Adnan Ibrahim, der Imam der SCHURA-Moschee im 2. Wiener Bezirk ist, durchgeführt. Er hat die Suren des Kuran nach ihren Namen typisiert und folgendes Ergebnis erhalten:

- 26 % behandeln materielle, natürliche und kosmische Phänome
- 24 % behandeln den Bereich des Glaubens und seine Regelung der Beziehungen:
- des Menschen zum Schöpfer,
- des Menschen zum Menschen, d.h. zwischenmenschlichen Beziehungen und
- des Menschen zur materiellen Umgebung
- 22 % beschreiben den Bereich Politik und Gesellschaftspolitik
- 14 % behandeln Geschichte und Geschichtsphilosophie
- 3 % Werte, Ethik und Verhaltensmuster
- 3 % Finanzen
- 1 % Gottesdienste und Riten

Um eine genauere Aussage der Ausrichtung des Kuran zu erhalten, wurde zusätzlich dieselbe Prozedur auf die Quran-Verse angewendet und festgestellt, dass die aufgelisteten Prozentsätze ihre Gültigkeit auch bei den Versen haben. Damit kann man auch Dimensionen der Lebensbereiche entnehmen.

Der Quran ist die Grundlage des Glaubens, die erste Quelle der islamischen Jurisprudenz und Hauptquelle der Geschichte vergangener Völker sowie die Lektüre der Prädestination.

Man kann schlicht und einfach sagen, dass der Quran für die Muslime das zum Buch gewordene Wort Gottes - Allahs, wie es im Quran heißt - ist.


Kann man den Quran übersetzen?

Hier unterscheidet man zwei grundsätzliche Arten der Übersetzungen:

1. Wortgetreue Übertragung :
ist sehr problematisch, da die arabische Sprache und ihre Wörter vieldeutig sein können. Beispiel dafür ist:

(Sure 2,Vers 228)
„Geschiedene Frauen sollen selbst drei Perioden abwarten.“,
das arabische Wort „Kuru’“ wurde mit Perioden übersetzt, wobei „Kuru’“ auf arabisch zweideutig ist und als Zeiten der Menstruation verstanden werden kann oder als die Zeiten dazwischen.
Das arabische Wort: „al-ayat“ kann übersetzt werden mit: „Verse“, „Zeichen“, „Botschaft“, „Beweise“.

2. Inhaltliche und kommentierte Übertragung:
Ist die beste Form um der Vieldeutigkeit der arabischen Sprache des Quran gerecht zu werden.

In der deutschen Sprache hat es in den letzten 600 Jahren 42 deutsche Übersetzungen gegeben. Die letzte, meiner Meinung nach auch einer der besten bisher, ist die vom SKD- Bavaria Verlag in 5 Bändern, die den Namen trägt: „DIE BEDEUTUNG DES KORANS“


Welche Qurankommentar- und Exegese-Schulen gibt es?


Es kann zwischen zwei Hauptschulen unterschieden werden:

1) Quran-Exegese und Traditionswissenschaft „tafsir bil’ma’thui“:

Hier hat man sich an die Grundzüge und Kriterien der Auslegungen gehalten, in dem man:
- Als erstes versucht hat den Kuran mit dem Kuran selbst zu erklären; war dies nicht möglich so hat man
- die Sunna – die vorbildliche Lebensweise und Aussagen des Propheten Mohammad (s.s.) - hinzugezogen. Ihr kommt beim Quran-Verständnis eine ausschlaggebende Rolle zu, weil im Quran selbst die Gläubigen aufgefordert sind, dem Beispiel des Propheten (s.s.) zu folgen. Sind dennoch Fragen offen geblieben, so hat man
- durch vergleichende Studien Analogieschlüsse gezogen

Es handelt sich hierbei um die theologisch- juristische Schule.

Einige Exegeten und deren Werke:
Ø Die Auslegung, die Abdullah Ibn’Abbas zugeschrieben ist
Ø „A’ttabari“; „Jamu’ulbaian“; „Die Sammlung der Bedeutung“
Der Autor ist einer der herausragendsten Historiker und Exegeten und lebte von 838-923
Ø „Ibn Kathir“, „Tafsir alkuran alazim“; „Auslegung des erhabenen Kuran“
Ø „Assu’yuti“, „Addur almanthur fi attafsir bi’ma’thur“; „die gestreuten Perlen in der Auslegung mit der Tradition“


2) Quran Exegese und islamische Dogmatik „tafsir bil’ra’i“

Hier hat man sich bemüht, neben dem philologischen Aspekt auch die Schönheiten des Textes herauszuarbeiten. Weiters wollte man die Bedeutung der Vernunft unterstreichen - Rationalismus.

Hier einige Exegeten und deren Werke:
Ø „Azzamach’schari“; „alkaschaf“; „Der Enthüller“
Ø „Arrasi“; „Mafatihu’elgaib“ „Schlüssel des Verborgenen“
Ø „Alkurtubi“; „Aljdami’ li Ahkam’ilkuran“ „Die Sammlung der Kuran- Gesetzgebung“
Ø „Al’alussi“; „Rouhu’lma’ani“ „Die Seele der Bedeutungen“

Daneben gibt es andere weniger bedeutende Schulen, wie z.B. die mystische Auslegungsschule und die der Sinnbilder und der Fantasie-Bilder etc.


Wie wirken sich die unterschiedlichen Traditionen auf das Verhältnis der Religionen zueinander aus?

Es ist wichtig, dass man zuerst die Frage beantwortet, wie man den Standpunkt des Quran hinsichtlich des Verhältnisses zu anderen Religionen verstehen kann.

Der Standpunkt des Quran kann nicht auf der Basis der Ideologie festgemacht werden. Deshalb ist es wichtig, um das Verhältnis der Religionen zueinander zu verstehen, folgende drei Aspekte zu durchleuchten:
- Den Aspekt des Glaubens,
- den der quranischen Prädestination und
- den der islamischen Jurisprudenz

Der Glaube und das Verhältnis zu anderen Religionen:

Die Muslime stehen den Propheten mit großem Respekt gegenüber. Deshalb fügen sie bei der Nennung des Namens des Propheten Mohammad Friedens- und Segenswünsche Gottes an. Dies ist auch bei anderen Gesandten und Propheten wie Jesus, Abraham, Moses, Noah, usw. - Friede sei mit ihnen allen (a.s.) – in ähnlicher Form üblich.



(Sure 3, Vers 84)
„Sprich: Wir glauben an Allah und an das, was auf uns herabgesandt worden ist und was herabgesandt worden ist auf Abraham, Ismael und Isaak, Jakob und die Stämme (Israels) und was gegeben worden ist Moses und Jesus und den Propheten von ihrem Herren; wir machen keinen Unterschied zwischen ihnen, und Ihm sind wir ergeben“.

Damit vertritt der Quran keinen Absolutheitsanspruch, vielmehr baut er, unter grundsätzlicher Annerkennung aller früheren Propheten, auf dem gültig bleibenden Kern der früheren Offenbarungen auf. Paul Schwarzenau formuliert diesen Sachverhalt folgendermaßen:
„Der Koran ist eine religionsökumenische Offenbarung“.

Der Islam versteht sich somit als jüngste und zugleich älteste Religion und ihre Gültigkeit ergibt sich nicht aus der Verwerfung der beiden anderen Buchreligionen, sondern aus dem Religionsvergleich.

Schauen wir uns das konkrete Verhältnis zum Christentum anhand einiger Themen an:

- Unbefleckte Empfängnis der hoch geachteten Maria, Mutter des Propheten Jesus (a.s.):
Ihr wurde eine ganze Sure im Quran (Sure 19) gewidmet:
Hier Ausschnitte aus den Versen 16-20:
“Und erwähne im Buch Maria. Als sie sich zurückzog .... da sandten wir unseren Geist zu ihr und er erschien ihr in der Gestalt eines vollkommenen Menschen .... Sie sprach:’ Wie soll mir ein Sohn werden, wo mich doch nie ein Mann berührt hat?’ “

(Sure 3, Vers 47/48)
“Er (der Engel) sprach: Solcherart erschafft Allah, was er will; wenn Er etwas beschlossen hat, spricht Er nur zu ihm: ‚Sei!’ und es ist. Und er wird ihn (Jesus) das Buch lehren und die Weisheit und die Thora und das Evangelium“.

(Sure 3, Vers 49)
„... und ich (Jesus) heile den Blindgeborenen und den Aussätzigen und mache die Toten lebendig mit Allahs Ermächtigung ...“

Daher ist es ein Gebot für jeden Muslim, Jesus (a.s.) als nicht durch Zeugung erschaffen zu sehen, sondern aufgrund eines unmittelbaren göttlichen Schöpfungsaktes. Er wurde von Maria als Jungfrau geborenen und bewirkte Wunder als von Gott inspirierter Prophet in jüdischer Tradition. Vergleiche dazu auch die Suren: 5 Vers 110 ; 72 Vers 3; 112 Vers 3. Es kommt Jesus (a.s.) nach dem Quran keine Göttlichkeit zu.


Zur Trinität:

(Sure 10, Vers 68)
“Sie sagen: Allah hat sich einen Sohn genommen. Gepriesen sei Er! Er ist der Sich-Selbst-Genügende!“

(Sure 4, Vers 171)
“... Und sagt nicht „drei“. Lasset ab davon, das ist besser für euch. Wahrlich, Allah ist nur ein Einziger Gott!“



Die quranische Prädestination „alkadaria“ und das Verhältnis zu anderen Religionen:

Der Quran dokumentiert nicht nur die Verschiedenheit der Menschen im Glauben durch
(Sure 2, Vers 256)
“Es gibt keinen Zwang im Glauben“

sondern bezeichnet sogar weltanschaulich- religiösen Pluralismus als gottgewollt:
(Sure 5, Vers 48)
“...Und wenn Allah gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Doch Er wollte euch prüfen in dem, was Er euch gegeben hat. Darum wetteifert miteinander in guten Werken. Zu Allah werdet ihr alle zurückkehren. Dann wird Er euch Kunde geben davon, worüber ihr zu streiten pflegtet.“

Der Quran fordert die Haltung der Toleranz
:
(Sure 8, Vers 29)
“Und sprich: Es ist die Wahrheit von euerem Herrn, darum lass den gläubig sein der will, und den ungläubig sein der will.“

(Sure 10, Vers 99)
„Und hätte dein Herr es gewollt, so hätten alle, die insgesamt auf Erden sind geglaubt. Willst du also die Menschen zwingen, Gläubige zu werden?“

Aus der Prädestinationslehre kann man deduzieren, dass es unmöglich ist eine Einheit der Religionen zu erreichen.

Die islamische Jurisprudenz und das Verhältnis zu anderen Religionen:

Siehe dazu Murad Wilfried Hofmanns „Islam als Alternative“.

Wirken sich die unterschiedlichen Traditionen auf das Verhältnis zu anderen Religionen aus?

Da der Quran sich eindeutig und völlig klar artikuliert, wie die Beziehung zu anderen Religionen auszusehen hat, gibt es kaum Abweichungen der Auslegungstraditionen hinsichtlich des Verhältnisses zu den anderen Religionen.

Die Nichtmuslime „ahlu dhimma“ unter islamischer Herrschaft waren in der muslimischen Geschichte Schutzbefohlene; sie hatten dieselben Rechte wie die Muslime, hatten hohe Ämter in der Verwaltung inne und genossen als Minister ihren muslimischen Amtskollegen gegenüber sogar gewisse Vorzüge. Unterschiede gab es in drei Belangen:

- Die Nichtmuslime unterlagen keiner Wehrpflicht.
- Da sie keinen Militärdienst leisten mussten, zahlten sie als Ausgleich Wehrersatzsteuer. Diese war selten höher als die Zakat (2,5 %), die sozial-religiöse Pflichtabgabe der Muslime, welche von Nichtmuslimen auch nicht entrichtet werden musste.
- Sie durften alle Ämter bekleiden, ausgenommen lediglich das oberste Amt im Staat.


Dazu sehr vielsagend ein Ausspruch des Propheten Mohammad (s.s.):
„Wer einem Dhimmi (schutzbefohlener Nichtmuslim) Unrecht tut, der tut mir Unrecht.“


Wie kann nun ein Dialog geführt werden und worüber sollte geredet werden?

Dazu der quranische Vers 125 aus der Sure 16:
„Rufe auf zum Pfad deines Herren mit Weisheit und schöner Ermahnung und führe Streitgespräche auf die beste Art und Weise.“

Die Betonung der Freundlichkeit und des Taktgefühls stimmt völlig überein mit dem Gebrauch von Vernunft im ist Einklang mit der quranischen Forderung “Es gibt keinen Zwang im Glauben.“ (Sure 2, Vers 256).

Dabei sind die soziologischen Aspekte und Themen der menschlichen Grundrechte entsprechend der islamischen Vorstellung der unantastbaren menschlichen Würde unbedingt zu berücksichtigen, wie z.B. Recht auf:

- Leben
- Freiheit
- Körperliche Unversehrtheit
- Gleichbehandlung von Frauen und Männer sowie Minderheiten
- Asyl
- Unschuldsvermutung
- Keine Strafe ohne Strafandrohung

Diese Belange müssen auch in einem kulturellen wirtschaftlichen Rahmen gesehen werden, denn Gerechtigkeit kann nur als Produkt eines stimmigen und umfassenden Gesellschaftssystems verwirklicht werden. Hier liegen auch die Ansätze für einen wirklich wertvollen Dialog und eine fruchtbare Zusammenarbeit: Über das Wissen voneinander zu gegenseitigem Respekt und Akzeptanz hin zum Eintreten für jene zahlreichen gemeinsamen Werte, die die Welt für alle lebenswerter machen.