Konzepte sozialer Gerechtigkeit im Islam



Konzepte sozialer Gerechtigkeit im Islam
Vortrag von Dr. Lise Abid anlässlich der Professional Conference 2007

Gerechtigkeit spielt aus islamischer Sicht in den zwischenmenschlichen Beziehungen etwa die Rolle, die Nächstenliebe im Christentum spielt. Das soll nicht heißen, dass Gerechtigkeit die Nächstenliebe ersetzen kann – Gerechtigkeit ist jedoch die Basis, auf der sich Freundschaft entwickeln kann, und Gerechtigkeit festigt die Nächstenliebe.

 

Soziale Gerechtigkeit ist ein wichtiger Teilaspekt eines generellen Gerechtigkeitsanspruchs. Natürlich muss man sich bewusst sein, dass vollkommene menschliche Gerechtigkeit ein unerreichbares Ideal ist. In den Religionen steht dem die göttliche Gerechtigkeit gegenüber. Auch aus islamisch-philosophischer Sicht stellt Gott das Prinzip absoluter Gerechtigkeit, aber auch umfassender Liebe dar, das über das menschliche Begriffsvermögen hinaus geht. Doch soweit Menschen dazu in der Lage sind, ist Gerechtigkeit im Umgang mit anderen von ihnen zu erwarten. Die heutigen Verhältnisse in muslimischen Ländern haben allerdings mit islamischen Idealen wenig bis gar nichts zu tun, hier ist umfassende Kritik angebracht.

Es lohnt sich jedoch, einen Blick auf diese Ideale zu werfen und ihre positive Motivation zu nutzen, denn Modernisierung und Globalisierung sind an den muslimischen Gesellschaften nicht spurlos vorüber gegangen. Die islamische Lehre hat Konzepte der sozialen Gerechtigkeit entwickelt, denn aus der Sicht des Islam hat jeder Mensch Anspruch auf ein menschenwürdiges Leben. Der Prophet Muhammad sagte: "Wer abends satt zu Bett geht, während sein Nachbar hungert, gehört nicht zu uns." Er warnte vor krassen sozialen Unterschieden, indem er sagte: "Armut ist ein Faktor, der leicht zum Unglauben führt". Der Prophet empfahl deshalb, Abgaben von den Reichen zu nehmen und davon den Armen Unterstützung zu geben. Damit wird soziale Sicherheit zur öffentlichen Angelegenheit, die durch geeignete Maßnahmen zu finanzieren ist.

Ein bekanntes Prinzip ist die Wohltätigkeit, die im Koran mit dem Oberbegriff Sadaqa bezeichnet wird. Dazu gehört die jährliche Solidaritätsabgabe "Zakat", eine 2 ½-prozentige Sozialsteuer, die vom ruhenden Kapital abzuführen ist. Sie gehört zu den sogenannten "fünf Säulen" des Islam, die aus dem Glaubensbekenntnis, dem rituellen Gebet, dem Fasten im Ramadan, der Pilgerfahrt nach Mekka (soweit leistbar) und eben der Zakat bestehen. Verpflichtet dazu sind Erwachsene beiderlei Geschlechts, die über Besitz in bestimmter Höhe verfügen; empfangsberechtigt sind Menschen, die aus verschiedenen Gründen materieller Hilfe bedürfen (Muslime und Nichtmuslime). Auf landwirtschaftliche Produkte wie z.B. Getreide beträgt die Zakat 10 %, was an den "Zehnt" oder "Zehent" des europäischen Mittelalters erinnert. Dies ist im Islam jedoch eine private, freiwillige Abgabe, und bis heute geben viele Bauern ein Zehntel der Getreideernte an Arme oder Erntearbeiter ab. Vom kommerziellen Reingewinn wird eine 20 %ige Abgabe (Khoms - "Fünftel" genannt) berechnet.

Die Zakat ist nicht mit der Kirchensteuer zu vergleichen, sondern wird üblicherweise persönlich und freiwillig geleistet. In muslimischen Ländern kann aber auch eine Behörde oder Institution die Verteilung übernehmen. Die Zakat ist kein Almosen, sondern ein Anspruch der Bedürftigen an die Wohlhabenden, die dadurch ihren Besitz reinigen.

Da die Zakat-Abgabe alljährlich nur vom ruhenden Kapital zu leisten ist, wurde ihr von manchen muslimischen Wirtschaftsfachleuten auch eine konsum- und investitionsfördernde Funktion zugeschrieben. Diese Ansicht ist allerdings umstritten, da die Zakat eine ideelle und moralische Bedeutung hat. Ihre Verringerung sollte nicht als Motivation für Investitionen oder größere Käufe dienen, zumal der Effekt bei einem Satz von 2,5 % gering wäre. Investitionsförderung kann heute durch andere Regelmechanismen erzielt werden.

Bis heute ist das Steuersystem in muslimischen Ländern meist unzureichend und wenig effektiv organisiert, weshalb sozial ausgleichende Maßnahmen über Steuern dort kaum greifen. Handel, Gewerbe und der traditionell große Dienstleistungssektor sind steuerlich schwer zu erfassen, problematisch ist auch der sog. informelle Wirtschaftssektor. Dies hängt damit zusammen, dass historisch nur die Zakat verpflichtend war; hinzu kamen verschiedene Arten von Grundsteuer.
Eine Wirtschaft, die nur auf Zakat-Basis aufgebaut ist, gibt es heute in Saudi-Arabien. 1975 wurde dort die Einkommenssteuer für in- und ausländische Arbeitnehmer abgeschafft und stattdessen die Sozialsteuer Zakat eingeführt, die durch eine Behörde eingehoben wird. Einkünfte aus Freien Berufen sind in einem gewissen Ausmaß steuerpflichtig, Firmengewinne werden mit 25 % besteuert (vgl. "Khoms" oben!). Für ausländische Investitionen und Beteiligungen gibt es spezielle Regelungen. Die Wiedereinführung einer Einkommenssteuer wurde um die Jahrtausendwende zwar dort diskutiert, ein höherer Beitrag der BürgerInnen zum Budget würde jedoch eine stärkere parlamentarische Mitbestimmung und mehr öffentliche Kontrolle der Regierungsarbeit sowie der Staatsausgaben voraussetzen, was bisher nicht gegeben ist. Auch konnte man das Problem der hohen Arbeitslosigkeit in Saudi-Arabien (rund 25 %) bisher nicht in den Griff bekommen.

Auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es keine Einkommenssteuer. Als eine Steuer auf Besitz hat sich die Zakat in diesen Ländern insofern bewährt, als sie Kapitalbildung und Privatbesitz auch bei Nichtselbstständigen fördert und damit Konsum und Investitionen ankurbelt.

Im Iran blieb die Zakat dagegen eine rein religiöse, freiwillige Abgabe; die Abschaffung der (geringen) Einkommenssteuer und ihren Ersatz durch Zakat hat man nach der islamischen Revolution nie ernsthaft in Erwägung gezogen. Hingegen spielt die – ebenfalls freiwillige – 20 %ige Gewinnsteuer Khoms im schiitischen Islam eine wichtige Rolle; sie fließt in wohltätige Einrichtungen/religiöse Stiftungen, Sozialprojekte oder Stipendien.

Übrigens zeigt die Tatsache, dass die Zakat-Pflicht (ebenso wie die anderen rituellen Verpflichtungen) auch für Frauen gilt, dass der Islam den Frauen eine wirtschaftlich aktive Rolle zugedacht hat. Dies war tatsächlich im frühen Islam der Fall. Grundsätzlich verfügen Frauen selbst über ihr Eigentum, sei es aus eigenem Einkommen oder z.B. aus einer Erbschaft. Es geht bei der Heirat nicht in den Besitz des Mannes über (in einer islamischen Ehe herrscht Gütertrennung).

Über die prozentuell festgelegte Zakat hinaus sind freiwillige Spenden und Almosen (Sadaqa) als persönlicher Akt der sozialen Verantwortung empfohlen. Dazu gehören z.B. auch Armenküchen und öffentliche Ausspeisungen, vor allem im Ramadan. Hilfeleistung für Bedürftige ist eine religiöse Pflicht. Das wird u.a. in der 107. Sure des Koran deutlich ausgedrückt:

"Hast du den gesehen, der die Religion leugnet? Das ist der, der die Waise schroff abweist und nicht zur Speisung des Armen anspornt. Wehe denjenigen Betenden, die in ihrem Gebet nachlässig sind - jenen, die (nur dabei) gesehen werden wollen und die Hilfeleistung verweigern."

Auch das Fleisch der beim Opferfest geschlachteten Tiere soll zu einem Drittel den Armen und zu einem Dritten den Verwandten zugute kommen. Ein Drittel kann zum Verbrauch durch die eigene Familie und zur Bewirtung der Gäste an den Festtagen verwendet werden. Heute wird in Mekka bei der Pilgerfahrt jedoch nicht mehr selbst geschlachtet: die Pilger bezahlen für ein Opfertier, das dann tiefgekühlt oder als Fleischkonserven tonnenweise in Hungergebiete der Welt verfrachtet wird.

Einen sozialen Stellenwert hat auch die selbstverständliche Gastfreundschaft, die in muslimischen Gesellschaften anzutreffen ist. Das Asylrecht war im frühen Islam gut ausgeprägt, und es erstreckte sich auch auf die schärfsten weltanschaulichen und politischen Widersacher, wie im Koran, Sure 9, Vers 6 verankert:

"Und wenn einer der Götzendiener bei dir Schutz sucht, so gewähre ihm Schutz, damit er das Wort Allahs vernehmen kann. Hierauf lasse ihn den Ort seiner Sicherheit erreichen ..."

Der Übergang zum Aufenthaltsrecht für Fremde war dabei fließend. Im Allgemeinen konnte jede/r individuell einem jeden Asyl oder Gastfreiheit gewähren, gleichgültig ob Mann oder Frau, sogar Jugendliche, und es musste von der gesamten Gemeinschaft respektiert werden.

Historisch interessant ist, dass im Hinblick auf soziale Gerechtigkeit schon die unmittelbaren Nachfolger des Propheten Muhammad die Notwendigkeit zu sozialen Reformen sahen. Der zweite Kalif Omar strebte ein umfassendes soziales Netz an, das für Nichtmuslime ebenso galt wie für Muslime. Er betrachtete auch eine fallweise Eigentumsumverteilung für notwendig und soll gebetet haben: "Oh Gott, gib dass ich keine Ungerechtigkeit begehe, wenn ich vom Besitz der Wohlhabenden nehme, um etwas davon den Armen zu geben!". Berühmt ist auch sein Ausspruch: "Wenn irgendwo in meinem Land eine Ziege auf einem Berg verhungert, fühle ich mich dafür verantwortlich."

Der Islam hat soziale Gerechtigkeit jedoch viel stärker institutionalisiert: der Prophet Muhammad betonte in überlieferten Aussprüchen (sog. Hadith) die Wichtigkeit gerechter Arbeitsverhältnisse und gerechter Entlohnung. Sein berühmter Ausspruch: "Bezahle den Arbeiter, bevor sein Schweiß trocknet", wird heute natürlich nicht auf die Zeitspanne bis zur Entlohnung bezogen, wohl aber auf zeitgerechte und angemessene Auszahlung.

In der Landwirtschaft ist eine gerechte Verteilung von Grund und Boden vonnöten. Die Praxis des Propheten, die auch als Grundlage für moderne Landreformen diente, bedeutet sinngemäß: "Der Boden gehört dem, der ihn bearbeitet." Eine schrankenlose Verteilung haben die islamischen Rechtsgelehrten darunter jedoch nicht verstanden, aber sie haben aufgrund dieser und ähnlicher Überlieferungen ausgeklügelte Systeme der Boden- und Wassernutzung erarbeitet. Außerdem verbot Muhammad ungerechte Pachtverträge, wie z.B. das sog. "Share-cropping", oder die Verpfändung von Feldfrüchten, bevor sie geerntet wurden – all das Praktiken, die zur hoffnungslosen Verschuldung von Kleinbauern und landlosen Bauern führten.

À propos Verschuldung: Das Zinsverbot ist ein weiteres wichtiges Standbein sozialer Gerechtigkeit im Islam. Es gilt nicht nur im Kleinen, beim persönlichen Geldverleih, sondern es verlangt ein zinsenfreies Bankwesen und das würde – global gesehen – eine Aufhebung der Schuldendienste der sog. Dritte Welt-Länder vorsehen. Für ein funktionierendes islamisches Finanzwesen sind allerdings komplexe Probleme zu lösen. Offenbar wurde schon zur Zeit des Propheten Muhammad darüber diskutiert, denn im Koran (Sure 2, Vers 275) ist zu lesen:
"Diejenigen die Zinsen nehmen, sollen nicht anders dastehen als einer, der vom Satan erfasst und zum Wahnsinn getrieben wird. Dies weil sie sagen: 'Handel ist dasselbe wie Zinsnehmen (oder Wucher)'. Doch Gott hat den Handel erlaubt und den Wucher verboten ..."

Dem Zinsverbot liegt der Gedanke zugrunde, dass niemand Gewinne machen soll, ohne auch an eventuellen Verlusten beteiligt zu sein. Risiken sind von allen Geschäftspartnern gleichermaßen zu tragen, ebenso wie alle an Erfolgen teilhaben sollen. Dazu sind fachliche Termini und eine umfangreiche Literatur entstanden.

Wie man kleinen Sparern in einem zinsenfreien Banksystem Anreize bietet, ist aber noch nicht zufriedenstellend geklärt. In manchen muslimischen Ländern wird von islamischen Banken ein Bonus gewährt, Geschenke oder Gutscheine vergeben. Andererseits kommt man bei Aufnahme eines zinsenfreien Kredits um Bearbeitungs- und andere Gebühren nicht herum. In vielen mehrheitlich muslimischen Ländern existieren islamische Banken, die auf Basis von Beteiligungseinlagen arbeiten und Kredite nach sozialen Gesichtspunkten vergeben, neben kommerziell arbeitenden Banken, die ebenso mit einem Zinssatz arbeiten wie im internationalen Bankwesen üblich.

Leider ist es in einigen europäischen Ländern durch unseriöse "islamische" Holding-Gesellschaften zu Betrugsfällen gekommen. Es handelte sich um Firmen, die kleinen Anlegern, oft ArbeitsmigrantInnen, "Gewinne auf islamischer Basis" versprachen und deren jahrelang erspartes Geld veruntreuten.

Es gibt aber bereits Ansätze für profitable islamische Wirtschaftsmodelle auf Basis von Gewinn- und Verlustbeteiligung: 1999 wurde ein "Dow Jones Islamic Index" lanciert, der nur islamisch erlaubte Beteiligungen anbietet. Gleiches gilt für den FTSE-Index. Beide Indices sollen wegen ihres vorsichtigen Anlage-Verhaltens auch für Nichtmuslime interessant sein. 2001 erlitt jedoch das islamische Bankwesen durch die Vorwürfe der Terrorismus-Finanzierung im Gefolge des 11. September einen enormen Image-Schaden. Seither haben sich jedoch mehrere westliche Banken auf die Bedürfnisse muslimischer KundInnen eingestellt. 2004 wurde unter britischem Bankgesetz die "Islamic Bank of Britain" gegründet, mit Genehmigung der Bank of England. International ergeben sich durch relativ rasch wachsende Volkswirtschaften, vor allem in mehrheitlich muslimischen Ländern Südostasiens und in der Golfregion, Aussichten auf wirtschaftlich interessante und seriöse Beteiligungen. Nach Meinung internationaler Experten besitzt das islamische Bankwesen ein beachtliches Wachstumspotenzial.

Ein Zeichen dafür, dass auch die besten Prinzipien durch Menschen umfunktioniert und missbraucht werden können, ist die Entwicklung der sogenannten Rechtskniffe, mit deren Hilfe man sowohl die landwirtschaftlichen Vorgaben wie auch das Zinsverbot umgehen konnte. Diese Praxis bildete sich im klassisch-islamischen Recht um das 10. Jh. heraus und führte in vielen muslimischen Gebieten zu de facto feudalen Strukturen, zur Abhängigkeit der Kleinbauern von Großgrundbesitzern und zur bitteren Armut landloser Bauern. Erst im 20. Jahrhundert haben sich muslimische Autoren kritisch mit diesem Missbrauch auseinander gesetzt.

Dabei würde das islamische Erbrecht, wenn korrekt angewandt, an sich schon zur Aufteilung von großen Besitztümern führen. Andererseits ist eine endlose Zerstückelung bäuerlichen Besitzes nicht sinnvoll, weshalb teilweise moderne Regelungen, auch in Form von Kooperativen, getroffen werden. Umgehungen gibt es aber auch hier – die Gravierendste davon ist, die Töchter vom Erbe auszuschließen. Zwar erbt eine Tochter nach islamischem Erbrecht nur den halben Anteil eines Sohnes (weil der Mann zum Familienunterhalt im weitesten Sinne verpflichtet ist), doch in landwirtschaftlichen Gebieten mancher muslimischer Länder hat es sich über die Jahrhunderte eingebürgert, der Tochter das Erbe von Grund und Boden überhaupt zu verweigern. Hier stehen dringende Reformen an – dass seinerzeit der Prophet Muhammad das Erbrecht der Frauen überhaupt erst gegen patriarchalen Widerstand durchsetzen musste, kann als Beispiel dienen.

Religiöse Minderheiten genießen im Islam übrigens dieselben wirtschaftlichen Rechte wie Muslime. In früherer Zeit hatten sie eine spezielle Steuer – die Dschizya – abzuführen. Sie diente als Ersatz für den Wehrdienst, von dem nicht-muslimische Männer ausgenommen waren. Deshalb ist es auch inkorrekt, die Dschizya als "Kopfsteuer" zu bezeichnen, da sie von Frauen, Kindern und alten Leuten nicht eingehoben wurde. Mit Einführung einer modernen Staatsbürgerschaft wurde das Dschizya-System überall aufgehoben. Außerdem sind Nichtmuslime natürlich von der rituellen Zakat-Abgabe ausgenommen, ihre Bedürftigen haben aber Anspruch auf Unterstützung aus öffentlichen Mitteln.

Zu einer aktiven Friedenspolitik gehört heute die Forderung nach einem gerechten Weltwirtschaftssystem. Im Kleinen gibt es Beispiele aus der Zeit des Propheten Muhammad, die wir heutzutage in modernen Volkswirtschaften wiederfinden. Dazu gehört nicht nur, dass Kauf und Verkauf fair ablaufen, dass korrekt gewogen und gemessen wird und dass Werbung nicht etwas verspricht, was das Produkt nicht hält. Monopole sind aus islamischer Sicht ebenso untersagt wie das Horten von Gütern zu Spekulationszwecken.

Muslimische Wirtschaftstheoretiker haben sich zwar damit befasst und sich um eine ethische und ökonomische Standardisierung im modernen Sinne bemüht, in der Praxis wurden und werden diese Ideale aber leider allzu oft nicht erfüllt. Diese Kluft zwischen Anspruch und Realität, zwischen Theorie und Praxis, gibt es nicht nur im Hinblick auf die Wirtschaft vom Islam geprägter Länder. Auch in anderen Bereichen wie Menschenrechte, Frauenrechte, Meinungsfreiheit und Demokratie besteht eine solche Diskrepanz. Es gibt aber auch positive Beispiele, wie den Träger des Friedensnobelpreises 2006, Mohammad Yunus, der in seiner Heimat Bangladesh wirtschaftliche Eigeninitiativen durch Kleinstkredite unterstützt. Da diese Kleinkredite aber nicht zinsenfrei sind, ist das Modell aus islamischer Sicht noch verbesserungsbedürftig.

Ein wesentliches Problem in vielen mehrheitlich muslimischen Ländern ist, dass die Schere zwischen Arm und Reich eher größer als kleiner geworden ist. Gerade bei verstärktem Wirtschaftswachstum ist dies in vielen Schwellenländern zu beobachten. Mit dem islamischen Sozialsystem ist es allerdings nicht vereinbar, und nötigenfalls müssten staatliche Korrekturmaßnahmen in Betracht gezogen werden - zumal solche Disparitäten der Korruption und Vetternwirtschaft Vorschub leisten.

Vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jh. wurde der Islam oft als ein "Mittelweg zwischen Kapitalismus und Kommunismus" gesehen. Diese Polarisierung der Welt ist zwar vorbei, teilweise verschärft hat sich aber der Nord-Süd-Konflikt. Viele Probleme harren ihrer Lösung, vor allem in den Ländern der sogenannten Dritten Welt, zu denen viele mehrheitlich muslimische Länder zählen. Umweltbelastung und Klimawandel sind Herausforderungen, denen muslimische Wirtschaftstreibende und Wissenschaftler auch aus religiös-moralischen Gründen besondere Aufmerksamkeit schenken müssten. Das Technologie-Defizit muslimischer Länder hat hier schwerwiegende Folgen - es ist aber nicht der Islam, der die Entwicklung in diesen Bereichen verhindert hat.

Tragischerweise sind unter den Flüchtlingen der Welt überproportional viele Muslime – ebenfalls ein Umstand, dem komplexe politische Probleme zugrunde liegen. In den letzten Jahrzehnten haben sich in Europa auch muslimische Hilfsorganisationen gebildet, die – ähnlich Caritas und Diakonie – Hilfe in Notsituationen und bei Katastrophen leisten. Als registrierte Vereine und gemeinnützige Organisationen sind sie auf Transparenz bedacht. Sie wollen Musliminnen und Muslimen Gelegenheit geben, ihre Spenden (Sadaqa) und ihre Sozialabgaben (Zakat) sinnvollen Zwecken und einem friedlichen Aufbau zugute kommen zu lassen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Islam eine Art "soziale Marktwirtschaft" zum Ziel hat. Man hat dem Islam oft kollektivistisches Denken vorgeworfen, tatsächlich geht es aber um Ausgewogenheit zwischen den Interessen der Gemeinschaft und denen des Individuums. "Der Mensch erhält nur das, was er erstrebt", heißt es im Koran (53/39). Legal erworbenes Eigentum genießt im Islam absoluten Schutz; der Prophet hat in seiner Abschiedsansprache nach seiner letzten Pilgerfahrt - etwa im Jahre 631/32 n.Chr. - das Leben und den Besitz der Mitmenschen als heilig bezeichnet.

Eine gesunde Wirtschaft, von der alle profitieren, und die benachteiligten Schichten unter die Arme greifen kann, ist ein Ziel des Islam. Bekannte Aussprüche Muhammads lauten: "Der Handwerker ist der Freund Gottes" und "Das Erwerben von erlaubtem Wohlstand ist muslimischen Männern und Frauen empfohlen."
So sollen sich im Islam wirtschaftliche Prosperität und soziale Verantwortung die Waage halten. Dies kommt auch in einem historischen Dokument zum Ausdruck, das die UNESCO in das immaterielle Kulturerbe der Menschheit aufgenommen hat: das Sendschreiben, das der 4. Kalif Ali um das Jahr 660 an seinen Gouverneur in Ägypten richtete.

Ein institutionalisiertes Sozialsystem kann aber nicht die zwischenmenschliche Güte und persönliche Wohltätigkeit ersetzen, auf die der Islam großen Wert legt. "Der liebste Mensch vor Gott ist der, der Seine Geschöpfe am meisten liebt", sagte Muhammad. Zur islamischen Wirtschafts- und Sozialethik gehört deshalb auch ein umweltverträgliches, nachhaltiges Wirtschaften, das die Achtung der Musliminnen und Muslime vor der Schöpfung widerspiegelt.