Wer war Muhammad?



Wer war Muhammad?

von Ali Boujataoui

Fernab von Papstreden und fanatisierten Mengen, fernab von unsäglichen Karikaturen und einer dogmatisierten Pressefreiheit: Wer war der Prophet Muhammad? Wer war der Prophet Muhammad für uns? Was für ein Mensch war er? Wer sich ernsthaft damit beschäftigen möchte, könnte sich der europäischen Orientalistik widmen. Sie sah in ihm mal den Sektierer, den Häretiker oder den Kriegshetzer. Sie gestand ihm aber auch zu ein Visionär, Revolutionär und seiner Zeit voraus gewesen zu sein.

Dieses Hin und Her des Mainstreams der Orientalistik lässt sich ohne Zweifel damit erklären, dass auch sie im Sinne und im Dienste der eigenen Gesellschaft und der eigenen Zeit stand oder schlicht und ergreifend der eigenen „Käseglocke der Vernunft“ unterworfen war, um einen von Kant inspirierten Vergleich anzuführen. Dies lässt sich besonders gut am Beispiel des Propheten Muhammad erkennen. Denn nüchtern betrachtet, gab es in der wissenschaftlich fundierten Lehre wohl keine andere Persönlichkeit, die scheinbar so hilflos den Vermutungen, Mutmaßungen und Fantasien ausgesetzt war und doch so viele Zeugnisse über sich, seine Botschaft und sein Tun hinterlassen hat, wie der Prophet Muhammad.

Was sagt uns die Sira, die Biografien der muslimischen Gelehrten zu Muhammad?

Ein anderer Ansatz zu verstehen, wer der Prophet Muhammad war, ist sich mit den Biografien der muslimischen Gelehrten zu beschäftigen, die bei den Muslimen unter dem Fachterminus „Sira“ bekannt ist. Wunderbare und wundersame Erzählungen des Propheten Muhammad. Sehr schöne, aber auch sehr nachdenklich stimmende und, wenn man allem, was man so liest trauen und glauben kann, wahre Erzählungen. Was erzählt uns also diese „Sira“ des Propheten? Was erzählt uns die Sira der „Sufis“, der Mystiker unter den Muslimen? Sie sahen in ihm den Meister. Den absoluten Herren über seinen Geist, fernab von menschlichen Bedürfnissen, fast schon bedrohlich fern vom Menschen selbst. Was erzählt uns die Sira der Salafiten? Die salafitische Denkströmung sieht sich selbst als die reinste Form der Muslime, frei von Volksglauben, Volksmythen und in der Regel auch frei von menschlicher Fantasie. Sie möchten sich auf die Aussagen der ersten Generationen nach dem Propheten konzentrieren, da diese als die beste Gemeinschaft nach der Gemeinschaft des Propheten angesehen werden (basierend auf einer Überlieferung des Propheten). Zeigen sie uns, so scheinbar nahe an Muhammad, den Propheten, wer er wirklich war? Oder geben auch sie uns nur ein Bild, wer er heute für sie ist? Oder sind die Salafiten letztendlich nur die sterilen Chirurgen unter den muslimischen Denkströmungen, die dem Propheten alles absprechen, was nicht er selbst über sich gesagt haben soll oder der Quran oder auch einer der ihren? Was erfährt man über Muhammad, wenn man an den Lehrer in der Moschee denkt, der die Kinder im nachmittäglichen Religionsunterricht lehrt? In ehrfurchtvollen Worten spricht er stets über den Propheten. Über den Propheten und seine Zeit. Der beste Mensch, den es je gab und um ihn die beste Gruppe von Menschen, die es je gab. Alles was Muhammad getan hat, kann er erklären und alles war aus einer absoluten Überzeugung und Sicherheit des Guten und Besseren dieser Welt geboren. Es gibt auch nichts, was er an Negativem über die „menschlichen Engel“ um ihn herum (seine Gefährten) erzählen könnte, und wenn doch, dann waren es keine echten Gefährten des Propheten, ganz nach dem Motto es kann nicht sein, was nicht sein darf. Der Prophet strahlt so eine Kraft aus, dass niemand der Muslime um ihn herum es sich leisten kann Schwäche zu zeigen. Und der Prophet selbst erst recht nicht.

Ich weiß nicht wer der Prophet war, was bleibt ist, was er heute für uns ist.

Ich weiß nicht, wer der Prophet war. Ich muss zugeben: Ich weiß es wirklich nicht. Was ich weiß, ist, was ich gelesen und gehört habe und was mir beigebracht wurde darüber, wer er ist. Das Schwierige daran ist, dass er einfach nicht mehr ist, er war. In irgendeiner Form eine Erkenntnis, die wichtig sein sollte, wenn man sich anschaut welchen Wahrheitsgehalt jene beanspruchen, die über ihn sprechen, Muslime und Nichtmuslime.
Es bleibt also doch wieder nur das, wer er heute ist, um damit zu starten. Er ist der letzte Prophet des Islam; in der Tradition von Moses, Abraham und Jesus predigte er die Lehre vom einen barmherzigen und gerechten Gott. Er gilt als vorbildlicher Ehemann, Vater, Führer und Lehrer und in allem als der Beste, der je unter den Menschen weilte und weilen wird. Und davon bin ich - sind wir Muslime überzeugt.

Der Prophet weint um das Schicksal derer, die er nicht erreicht.

Gut.
Ich glaube eine der ersten und wichtigsten Erkenntnisse, nachdem ich die oben genannten „Typen“ von Muslimen selbst durchlaufen und durchlebt habe, gewann ich durch eine Überlieferung über den Propheten. Es wird berichtet, dass Bilal, einer seiner engsten Gefährten, ihn eines Morgens tränenüberströmt im Dunkeln sitzend antraf. Bilal kam in die Moschee, um die Menschen zum morgendlichen Gebet herbeizurufen. Der Propheten saß einsam da und weinte. Über den Propheten lag die Klarheit einer durchwachten Nacht und des frühen Morgens. Eine Klarheit, wie sie jeder mal gespürt hat, der sich zwischen dem Sonnenuntergang und Sonnenaufgang nur dem Gedenken Gottes gewidmet oder früh morgens vor Sonnenaufgang einen ausgedehnten Spaziergang gemacht hat, um den Kopf freizubekommen. Bilal fragte nach dem Grund der Tränen. Der Prophet antwortete: „Wie sollte ich nicht weinen, da mir dieser Vers von den sieben Himmeln herab offenbart wurde,“ dann rezitierte er: „In der Schöpfung der Himmel und der Erde und im Wechsel von Nacht und Tag sind wahrlich Zeichen für die Verständigen“ (Quran 3:190), und sprach zu Bilal: „Unglücklich ist der, welcher diesen Vers hört und nicht nachdenkt.“ Er war der Prophet. Er war auserwählt die Menschen zu führen, die Menschen zu überzeugen, die Menschen zu gewinnen für eine einfache und ehrliche Lebensweise: Ihren einen und einzigen Gott zu erkennen, sich gegenseitig zu respektieren und füreinander Sorge zu tragen. Wenn nicht er, wer soll dann die Menschen von dieser Botschaft überzeugen. Die Zeichen die dort hinführen sind in der Natur offensichtlich, aber er war nicht fähig das Schicksal der Menschen zu entscheiden. Er spürte die Verantwortung, die auf ihm lag und gleichzeitig auch seine Ohnmacht gegenüber der Ignoranz vieler Menschen, die diesen Worten keine Beachtung schenken würden - und das erfüllte ihn mit Traurigkeit.

Muhammad betet um den Beistand Gottes bei der Schlacht von Badr

Jeder, der sich intensiv mit der Geschichte der Schlacht von Badr beschäftigt hat, kennt den Bericht über das Stoßgebet des Propheten: „Oh Gott, diese Kuraisch sind in ihrem Stolz gekommen, um zu versuchen deinen Gesandten als Lügner hinzustellen. Oh Gott, deine Hilfe, die du mir versprachst! Oh Gott, wenn diese Schar heute vernichtet wird, wirst du nicht mehr angebetet werden.“ Das sollen die Worte Muhammads gewesen sein, als der offene Krieg zwischen den Anhängern des Propheten und den Einwohnern Mekkas (Kuraischiten) auszubrechen drohte. Die Muslime waren zuvor in der großen Auswanderung (Hijra) von Mekka geflüchtet und lebten nun unter dem Schutz der Einwohner der Stadt Yathrib (oder „Medina“, wie sie später genannt werden sollte). Die Kuraischiten waren um ein Vielfaches überlegen und sie trachteten den Muslimen nach Vernichtung. Jahrelang hatten sie sie nun provoziert durch diese neue Lehre, die ihrem Götzenkult abschwor und die Gesellschaftsordnung revolutionieren wollte. Die Kuraischiten kamen mit einem riesigen Heer zur Karawanentränke von Badr. Sie wollten ein für allemal Schluss machen mit dieser neuen Religion. Der Prophet war sich der militärischen Überlegenheit der Kuraischiten bewusst, er wusste nicht wie dieser Tag ausgehen würde. Er zog sich zurück und begann Stoßgebete zu sprechen, er betete, er flehte. Er wandte sich in die Gebetsrichtung und bat inbrünstig Gott darum sie siegreich aus diesem Kampf hervorgehen zu lassen. Er wusste nicht was geschehen würde, wenn die Muslime heute vernichtet würden. Würde es noch weiterhin einen Islam geben? Würden die Menschen noch angezogen werden von einer Gemeinschaft, die sich Gottes Hilfe sicher, aber im entscheidenden Moment hilflos war gegen eine Bande von Tyrannen? Würde er so wie viele Heilsbringer vor ihm enden, einsam und unbedeutend? Sein engster Gefährte Abu Bakr war bei ihm während er Gott um Beistand bat und er schien zuversichtlicher als er: „O Prophet Gottes, ein Teil deines Flehens an deinen Herrn ist genug, Gott wird gewiss für dich erfüllen, was er dir versprach“. Doch für den Propheten schien dieser Tag, der Tag der Entscheidung zu sein und er zweifelte an seinem erfolgreichen Ausgang. Er ließ sich durch diese Worte nicht abbringen und flehte und bat Gott weiter um Beistand. Es heißt, er betete und bat so lange, bis er erschöpft und müde seinen Kopf auf die Brust sinken ließ und in einen leichten Schlaf fiel. Endlich wurde er erlöst von seinen Zweifeln, er empfing die Vision vom Sieg. Die weitere Existenz der jungen muslimischen Gemeinschaft war gesichert.

Die ersten Verse des Quran, eine schwere Last für den Propheten

Gut.Wie viele wissen, begann die Berufung des Propheten mit der Offenbarung der ersten Verse aus dem Quran: „Lies im Namen deines Herren, der erschuf“ (Quran, 96:1). Es wird berichtet, dass Muhammad diese Verse durch den Engel Gabriel in der Höhle des Berges Hira überbracht wurden, am Rande der Stadt Mekka. Dorthin hatte sich Muhammad wie schon viele Male zuvor zurückgezogen, um zu meditieren, verstört vom rücksichtslosen Lebenshunger seiner Mitmenschen und nach mehr als nur dem Offensichtlichen suchend. Doch nachdem er diesmal diese ersten Verse des Qurans empfing, konnte er nicht länger in der Höhle verweilen. Er rannte hinaus, den Berg hinunter und flüchtete vor etwas, was ihm noch ungeheuer, beängstigend und unglaublich vorkommen musste. Auf dem steinigen Weg den Berg hinab, sah er den Engel Gabriel am Horizont und hörte seine Stimme: „O Muhammad, du bist der Gesandte Gottes und ich bin Gabriel“. Der Prophet wandte sich ab und schaute in die andere Richtung, doch wohin er auch sah, begegnete ihm am Horizont Gabriel in Engelsgestalt und sprach: „O Muhammad, du bist der Gesandte Gottes und ich bin Gabriel“. Er rannte nach Hause zu seiner Frau: „Bedecke mich! Bedecke mich!“ Sein Herz klopfte und sein Körper fröstelte. Er wusste nicht, was er im ersten Moment denken sollte: Hatte er den Verstand verloren? War er besessen? Doch schon bald folgte die Antwort in einer neuerlichen Offenbarung: „Nun. Bei der Feder und dem, was sie schreiben. Du bist nicht, dank der Gnade deines Herrn, besessen! Und siehe, dir wurde unerschöpflicher Lohn zuteil. Und siehe du bist von großartigem Charakter“ (Quran, 69:1-4). Doch so unvorhergesehen wie diese ersten Verse zu ihm kamen, so abrupt endeten sie scheinbar auch wieder. Es gibt unterschiedliche Aussagen wie viel Zeit zwischen diesen Versen und der Wiederholung und Bestätigung seiner Berufung durch neue Verse des Qurans lagen, ein paar Monate, zwei Jahre. Eines scheint jedoch sicher: Es war für Muhammad eine lange Zeit und er begann zu zweifeln. Er hatte den ersten Schock überwunden und war nun bereit für seine Aufgabe, doch schon bald überkam ihn das Gefühl, dass er von Gott alleine gelassen wurde. Es war still um ihn herum, kein Mensch vermochte diese Stille zu füllen und keine unerschütterliche Zuversicht sie zu durchbrechen. Was müssen ihm dabei für Gedanken durch Kopf gegangen sein. Hatte ihn Gott wirklich alleine gelassen? Hatte er irgendetwas getan, was seinen Zorn, seine Abscheu gegen ihn schürte? War er doch nicht gut genug, den Menschen diese Botschaft zu überbringen? Manche berichten sogar, dass er in seinem Leben keinen Sinn mehr sah, dass er daran dachte sich von einem Berg herabzustürzen. Muhammad kehrte zurück zur Höhle und versank in Gebeten. Er wandte sich mit all seinen Zweifeln und seinem Geist Gott zu und flehte ihn an, ihn aus dieser Ungewissheit zu befreien. Niemand weiß, wie oft er sich in die Einsamkeit zurückgezogen hatte, doch eines Tages empfing er die folgenden Verse, die wie Balsam für seine Seele gewesen sein müssen: „Bei der Morgenhelle und der Nacht, wenn sie still ist. Dein Herr hat dich weder verlassen noch hasst er dich. Und das Jenseits ist wahrlich besser für dich als das Diesseits. Und dein Herr wird dir wahrlich geben und dann wirst du zufrieden sein. Fand er dich nicht als Waise und nahm dich auf? Und fand dich nicht irrend und leitete dich? Und fand dich nicht arm und machte dich reich? Drum was die Waise anbelangt, unterdrücke sie nicht, und was den Bettler angeht, verstoße ihn nicht und was deines Herren Gnade anbelangt, verkünde sie“ (Quran 93:1-11).

Gut. Wer war also nun der Prophet?

Ich muss zugeben, ich weiß es immer noch nicht wirklich. Ich kann nicht vollständig beschreiben, wer er war, nicht nach diesen drei Beispielen. Ich kann nicht das komplette Bild zeichnen, das jedem den Aha-Effekte brächte. Aber ich kann mein bisheriges Bild darüber, wer er gewesen sein soll um einen Teil ergänzen: Er war mehr. Er war mehr als nur - und ich gebe zu das klingt seltsam - der perfekte Ehemann und Vater und er war mehr als nur der perfekte Lehrer, er war vor allen Dingen Mensch. Dies mag für jeden Muslim einfach klingen, wo doch Muhammad selbst immer wieder davor gewarnt hat, aus ihm mehr als das zu machen. Der Quran betont ebenfalls immer wieder, das Muhammad nur ein Mensch sei; ein Mensch, der wie jeder andere auf den Markt geht und Speisen zu sich nimmt (Quran 25:7ff). Also ist die Frage zulässig: Wo liegt die besondere Erkenntnis? Es wird immer wieder betont, dass er mit einem reinen Wesen gesegnet war, frei von Böswilligkeit und Schlechtem. Aber er war auch ein Mensch, nicht nur pro forma, sondern auch faktisch ein Mensch, der den körperlichen, geistigen und seelischen Beschränkungen, Einengungen und Zwängen des Menschseins unterworfen war. Aus dieser Identität konnte er sich nur durch ein Wunder befreien und Naturwunder als Teil seines Prophetentums waren bekanntlich die Ausnahme. Jeder hat mal diese Zwänge des Menschseins erlebt, man strebt nach etwas, man möchte etwas erreichen aber man stößt an seine Grenzen. Manchmal sind diese Grenzen scheinbar, sie sind nicht wirklich, man könnte sie überwinden durch größeren Einsatz durch mehr Anstrengung durch bessere Bedingungen. Manchmal sind diese Grenzen aber auch nicht beeinflussbar, nicht von uns, nicht von anderen. In solchen Momenten zweifelt man und möchte manchmal verzweifeln. In solchen Momenten wird man sich seines Menschseins am stärksten bewusst. Genau diese Momente hat auch der Prophet erlebt. Und genau das ist etwas, was ich bisher nur schwerlich in den Betrachtungen darüber, wer der Prophet gewesen sein soll, entdecken konnte. Er war ein Mensch, der mit diesem Leben und seinen Aufgaben immer wieder kämpfte, immer wieder an ihnen zu verzweifeln drohte und sich immer wieder aufrappeln und zu Gott wenden musste. Genau wie ich. Das weiß ich nicht, davon bin ich überzeugt.

*"Gottes Friede und Segen sei auf ihm"
Dies sagen Muslime stets bei der Erwähnung des Propheten Muhammad.